Aktualisiert 27.03.2020 18:58

Bulli-Nachfolger

Ein Transporter mischt die Szene auf

Der VW T6 liegt auf Platz 5 in den Schweizer Verkaufscharts – ungewöhnlich für ein Nutzfahrzeug. Wir machten uns auf die Suche nach den Gründen.

von
Dave Schneider
Sehr praktisch  und sehr beliebt: VW T6 California.

Sehr praktisch und sehr beliebt: VW T6 California.

VW

SUV dominieren derzeit das Geschehen im Strassenverkehr. Sechs der zehn meistverkauften Modelle in der Schweiz in diesem Jahr sind SUV. Doch ein Modell hält sich seit Monaten weit vorne in der Schweizer Bestenliste, das man dort nicht erwarten würde – der VW T6. Er liegt aktuell mit 647 verkauften Einheiten per Ende Februar auf Platz 5 – vom Überflieger Skoda Octavia wurden im gleichen Zeitraum 1052 verkauft. Ein grosser Transporter, ein Nutzfahrzeug lässt Modelle wie den VW Golf oder den BMW X3 hinter sich. Wie ist das zu erklären?

«Unsere T-Modelle verkaufen sich in der Schweiz seit Jahren hervorragend», sagt Christian Frey, Mediensprecher von VW-Importeur AMAG. «Offensichtlich deckt das Fahrzeugkonzept die Bedürfnisse einer sehr breiten Zielgruppe ab». Die Verkaufszahlen umfassen denn auch sämtliche Karosserievarianten, und das sind einige: Den T6 gibt es für die zivile Nutzung als gediegenen Familien-Bus und als Camper-Van in mehreren Versionen sowie für die gewerbliche Nutzung als Kastenwagen, als Personen-Shuttle oder als Pritschenwagen. 2019 machte der Transporter (Kastenwagen) und der California (Camper) je einen Anteil von 40 Prozent der Verkäufe aus, der Multivan (Familien-Bus) und der Caravelle (Personen-Shuttle) spielten mit 12 respektive 8 Prozent eine Nebenrolle. Dass es den T6 auch mit Allradantrieb gibt, kommt dem Transporter auch zugute – 54 Prozent der Kunden kauften 2019 eine 4Motion-Variante.

Enorme Vielfalt

Doch auch die Konkurrenz bietet eine grosse Karosserievielfalt: Die V-Klasse von Mercedes-Benz, der Ford Custom, der Opel Vivaro, der Renault Trafic sowie das baugleiche Trio Citroën Spacetourer, Peugeot Traveller und Toyota Proace spielen in der gleiche Ligan wie der T6, und auch von diesen Modellen gibt es zusätzliche Nutzfahrzeugvarianten, teilweise unter anderem Namen. Doch all diese Modelle zusammen erreichten in den ersten zwei Monaten dieses Jahres nicht annähernd die Stückzahl, die vom T6 in der Schweiz verkauft wurde. Stärkster Konkurrent ist die V-Klasse von Mercedes-Benz, respektive das Nutzfahrzeug-Pendant Vito: Kumuliert wurden von diesem Duo im vergangenen Jahr 2173 Stück verkauft. Dem stehen 3588 verkaufte T6 gegenüber – der VW ist die unangefochtene Nummer 1.

Zwar hat der SUV-Boom viele kompakte Vans vom Markt verdrängt und den Erfolg des T6 zusätzlich beschleunigt, aber vor allem ist «Vanlife» total trendy: Die Freizeit im Bus verbringen, Neues entdecken und dabei im Auto übernachten, ist derzeit gross in Mode. Von diesem Umstand profitiert der T6 in der zahlungskräftigen Schweiz: «Die Verkäufe des Modells California, dem erfolgreichsten Reisemobil in unserem Land, haben stark zugenommen», bestätigt Christian Frey. Im vergangenen Jahr wurde der Absatz um 30 Prozent gesteigert. «Die Schweizerinnen und Schweizer schätzen es offenbar, spontan Ausflüge zu unternehmen und ihr mobiles Hotelzimmer mit dabei zu haben.» Auch in diesem Bereich gibt es Konkurrenzangebote: Von der Mercedes-Benz V-Klasse (Marco Polo) und vom Ford Tourneo (Nugget) sind ebenfalls Camper-Varianten ab Werk erhältlich, andere Transporter können mit offiziellem Zubehörangebot zu Camper-Vans umgebaut werden.

Kultiger «Bulli»

Doch eines hat der VW T6 seinen Konkurrenten voraus – den Kult-Faktor. Der legendäre VW Bulli wird weltweit von einer riesigen Fan-Gemeinde gefeiert, und der T6 ist immerhin ein Nachfahre. Für echte Fans zählen zwar nur die ersten drei Modellgenerationen als Bulli – mit dem Motor und dem Antrieb im Heck, am besten luftgekühlt. Ab der vierten Generation bekam der VW-Bus einen Frontantrieb und der wassergekühlte Motor wurde vorne verbaut – ab diesem Zeitpunkt wird er von der Fangemeinde nur noch als T4, T5 oder eben T6 bezeichnet.

Unterm Strich ist es wohl die Summe vieler Aspekte, die den VW T6 in der Schweiz so beliebt macht: ein bisschen Kultfaktor, ein wenig Vanlife-Boom, die Tatsache, dass die viele klassische Vans vom Markt verschwunden sind und ganz sicher das vielseitige Angebot samt Allradantrieb. Und bald kommt ein weiteres Verkaufsargument hinzu: Den Transporter wird es bald auch mit Elektroantrieb geben. Da hat die V-Klasse von Mercedes-Benz zwar schon vorgelegt, doch spätestens 2022, wenn VW den Elektro-Bulli namens ID. Buzz im Retro-Design lanciert, werden die Wolfsburger ihren Vorsprung vergrössern – dann nämlich dürfte auch der moderne VW-Bus kultig werden.

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