Aktualisiert 21.08.2012 09:18

«Time-out»Ein Trendsetter ohne Charisma und Fortune

Nach drei Jahren ist die Amtszeit von Philippe Gaydoul als höchster Hockeyfunktionär im Land bereits zu Ende. Eine Bilanz.

von
Klaus Zaugg

Philippe Gaydoul geht nicht als grosser Verbands-Präsident in die Geschichte unseres Hockeys ein. Erst in einigen Jahren werden wir erkennen: Er war ein Trendsetter und deshalb einer der wichtigen Präsidenten. Aber einer ohne Charisma und ohne Fortune.

Der Unternehmer und Luxuswarenhändler (Navyboot, Fogal, Jet Set, Hanhart) war der erste Quereinsteiger ohne Hockeyvergangenheit seit Max Bigler (1981 – 85). Philippe Gaydoul fehlte der Stallgeruch des Eishockeys und er ist bis heute nie in der ihm fremden Sportwelt nie richtig angekommen. Er wurde zum Amte überredet, weil er Milliardär ist. Auf der Suche nach einem Nachfolger von Fredy Egli hatten die Vertreter der grossen Klubs und die Königsmacher eine gute Idee: Wir brauchen einen, der viel Kohle hat, bestens in der Wirtschaft vernetzt ist und gut verhandeln kann. Den Rest machen wir dann schon.

Die Rechnung ist aufgegangen: Am Schluss seiner Regierungszeit hat Philippe Gaydoul die Kloten Flyers gerettet. Wir können davon ausgehen, dass es ohne Philipp Gaydoul die Kloten Flyers nicht mehr gäbe – und dass er nicht auf die Idee gekommen wäre, Kloten zu retten, wenn er nicht Verbandspräsident gewesen wäre. Er hat zudem mit Verhandlungsgeschick einen guten neuen TV-Vertrag herausgeholt und Verband und Liga in einer Strukturreform zur Organisation «Swiss Ice Hockey» zusammengeführt. Damit bleiben unserem Eishockey die Auseinandersetzungen zwischen Liga und Verband erspart – dieser Konflikt schwächt andere Hockeyländer wie Deutschland oder Schweden ganz erheblich. Ob das unter seiner Federführung mit viel Mediengetrommel angekündigte Leistungsportzentrum in Winterthur («Versailles des Eishockeys») nun tatsächlich gebaut wird, ist noch offen.

Keine Ausstrahlung

Philippe Gaydoul verkörperte den Sportverbands-Präsident des 21. Jahrhunderts und ist deshalb ein Trendsetter: Wichtiger als Kabinenreden beim Nationalteam ist die Organisation des «Big Business» zu Finanzierung des Verbandes. Spiel und Sport können die einzelnen Fachkräfte erledigen. Bis in 20 Jahren werden wir im Schweizer Sport mehrheitlich Präsidenten mit dem Profil von Philippe Gaydoul haben.

Aber er war ein Präsident ohne Charisma. Für öffentliche Auftritte fehlte dem eher schüchternen, sensiblen und introvertierten Milliardär die Lockerheit. Er war nicht in der Lage, zwei Minuten lang eine freie Rede vor Publikum zu halten. Er hatte keine Popularität nötig und er suchte deshalb nie nach dieser Popularität an der Basis.

Führen an der langen Leine

Bei seinen Personalentscheiden hatte er wenig Fortune – wohl auch, weil ihm die Gänge und Läufe des Sportes immer ein wenig fremd geblieben sind. Für den wichtigsten Posten – den eines CEO des neu strukturierten Verbandes – holte er den Tourismus-Spezialisten Harry John. John musste bereits nach sieben Monaten gehen und blieb noch weitere sechs Monate auf der Lohnliste. Sein Posten ist gar nicht mehr neu besetzt worden.

Das Führen an der zu langen Leine hat einerseits im sportlichen Bereich zu einem Verlust der Dynamik geführt, und inzwischen mahnt die Sportabteilung an ein Bundesamt für Eishockey-Wesen nach dem Motto: Nur ja nichts riskieren, nur ja alles tun, um den Job zu behalten. Die Opportunisten prägen das Klima zu stark. Zuletzt hat die Nationalmannschaft zweimal hintereinander die Viertelfinals verpasst und an der WM 2012 in Helsinki die schlechteste Klassierung seit 1997 eingefahren. Andererseits haben sich die wichtigen NLA-Klubs auch unter den neuen Strukturen viel Freiheiten bewahrt – und es sind diese Klubs, die unser Hockey in allen Bereichen prägen, von der Nachwuchsausbildung bis zur Medienpräsenz.

Gut vernetzter und reicher Nachfolger

Philippe Gaydoul übergibt seinem Nachfolger einen finanziell kerngesunden und gut strukturierten Sportverband. Mit ein paar personellen Handgriffen kann sein Nachfolger wieder für mehr sportliche Dynamik sorgen. In einzelnen Abteilungen braucht es ein Sesselrücken und zumindest vorübergehend sollte der neue Präsident dem Personal in den Verbandsbüros ein bisschen Feuer unterm Hintern machen.

Idealerweise ist der neue Mann wieder ein Milliardär oder doch wenigstens ein gut vernetzter Multimillionär. Wenn möglich mit etwas mehr Hockey-Sensibilität und Zeit, um sich auch ums Alltagsgeschäft im Verband zu kümmern.

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