Aktualisiert 21.05.2013 09:55

«FC3: Blood Dragon»Ein Tritt ans Schienbein von Game-Fanatikern

Die Bewertungen reichen von hervorragend bis schrottig: Unser Gameredaktor hält den Ego-Shooter «Far Cry 3: Blood Dragon» für einen der witzigsten Kommentare zur Lage der Gamenation.

von
Jan Graber

Welche Spiele wünscht sich ein Grossteil der Gamer? Wenn Sie mich fragen, liegt die Antwort auf der Hand: Die meisten Gamer wollen dieselben Spiele, die sie bereits gespielt haben. Wie anders liesse sich der nicht abreissende Erfolg von Gamereihen wie «Fifa», «Need for Speed» oder «Call of Duty» erklären? Und, daraus resultierend, der Repetitionsreflex der Industrie.

Zugegeben, es gibt Gegenbewegungen. Zum Beispiel die Indie-Szene, wo wie früher in Stuben und Garagen kleine Teams an ebenso kleinen Perlen werkeln und brillante Schmuckstücke schmieden. Auch die grosse Industrie bringt hin und wieder Überraschendes auf den Markt – Games wie beispielsweise «Dishonored» oder «Bioshock: Infinite».

Die Antithese zur Ernsthaftigkeit

Und dann natürlich «Far Cry 3». Das Open-World-Game, das letzten Herbst erschienen ist, hat Spieler in zuvor kaum je so erlebte Tiefen tauchen lassen und sie in eine weiträumige Landschaft versetzt, die nicht nur als Kulisse für eine abgründige Story diente, sondern belebt war von unzähligen Tieren und grotesken Figuren.

Kürzlich nun hat der Publisher Ubisoft «Far Cry 3: Blood Dragon» veröffentlicht. Das Download-Game hat trotz des Namens herzlich wenig mit dem Original zu tun, von ein paar spieltechnischen Verwandtschaften abgesehen. Auch handelt es sich nicht um eine Erweiterung von «Far Cry 3». Im Gegenteil: Es handelt sich gewissermassen um die Antithese dazu – um ein Game, das sich über die Ernsthaftigkeit des Originals lustig macht, aber auch über jedes andere Game, das sich selbst zu ernst nimmt. Ganz zu schweigen von Gamern, für die ihre Lieblingsgames Quellen eines nahezu religiösen Fanatismus darstellen.

Doof, wer das Game ernst nimmt

«Far Cry 3: Blood Dragon» leuchtet den Bierernst der Shooterkonkurrenz quasi mit kitschigen Neonscheinwerfern aus: Die Gamegrafik hat die absurde Hässlichkeit alter Achtzigerspiele mit üblen Rosa- und Lilafarben, die aus den neonblauen Settings herausstechen wie die Spitzen des bösartigsten Sarkasmus. «Blood Dragon» ist zudem voll Wortwitz, der ebenso sich selbst wie die Spieler auf die Schippe nimmt: «He said blow me – so I did», sagt der Held Rex Colt (auch der Name ist eine Referenz an die 80er), nachdem er einen Gegner in die Luft gejagt hat - und stösst homophobe Spieler mit einer eindeutig homosexuellen Zweideutigkeit vor den Kopf. Dauert eine Dialogsequenz zu lange, kommentiert der Held: «Just let me kill people, damnit!» und wird noch krasser: «He's open minded», sagt er nach einem Kopfschuss. Damit pinkelt er ans Bein all jener, bei denen das Wort Killergame einen Instant-Abwehrreflex hervorruft.

Die markigen Sprüche sind alles andere als ernst zu nehmen; Spieler, denen durch die testosterontriefenden Bemerkungen Colts zusätzliche Bartstoppeln wachsen, sollten sich auf ihre mentale Gesundheit testen lassen. Die Dialoge und Sprüche sind im Gegenteil als hochgradig entlarvende Kommentare für eine von dumpfen Shootern dominierte Gameindustrie zu verstehen. Durch die gnadenlose Übertreibung wird das Selbstverständnis humorloser Egoshooter gewissermassen ad absurdum geführt.

Fazit: Brillant und hintergründig

Dass sich «Far Cry 3: Blood Dragon» zudem konsequent der Optik und des Stils der 80er-Jahre bedient, kann als weiterer Tritt ans Schienbein der Gameindustrie verstanden werden – als Bemerkung dazu, dass diese über ihren infantilen Status der Frühzeit nicht wirklich hinausgewachsen ist. Deshalb gehört «Far Cry 3: Blood Dragon» zu einem der subversivsten Kommentare zur Lage der Gamenation. Ob das von den Entwicklern auch so beabsichtigt war, sei offen gelassen.

Die besten Sprüche aus «Far Cry 3: Blood Dragon»

(Quelle: Kotaku/Youtube)

Jan Graber…

… verschob die ersten Gamepixel mit «Space Invaders», «Leisure Suit Larry» und «King’s Quest»; mit «System Shock» und «Rebel Assault» entdeckte er sein Flair für Actiongames. Momentan zockt er «Bioshock: Infinite» und «Far Cry 3: Blood Dragon» und freut sich auf «Last of Us».

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