Aktualisiert 17.05.2012 17:28

«Time-out»

Ein Triumph, der auch für uns möglich wäre

Die Slowakei steht nach dem 4:3 über die Kanadier zum ersten Mal seit 2004 im WM-Halbfinale. Eine solche Überraschung wäre auch für die Schweiz zu schaffen.

von
Klaus Zaugg, Helsinki

Die Slowaken hatten zuletzt viermal hintereinander das Viertelfinale verpasst und fielen in der Weltrangliste sogar hinter die Schweiz zurück. Das Erbe des Sozialismus (der Spieler, die noch in der ehemaligen CSSR ausgebildet worden sind) ist inzwischen aufgebraucht. Der Niedergang hat bei einem Potenzial von knapp 6000 lizenzierten Spielern (Schweiz: 25 000), nur noch elf Spielern in der NHL (Schweiz: 8) und einer heimischen Operettenliga (10 Teams) durchaus eine statistische Logik.

Und warum ist dem Aussenseiter die Überraschung trotzdem gelungen? Die Bescheidenheit ist eingekehrt. Vor dem Turnier haben die Reporter ihren Stars praktisch keine Chance gegeben: Elf WM-Neulinge, darunter die drei Goalies, die zusammen noch nicht 25 Länderspiele absolviert hatten und alle in Europa tätig sind. Eine Parallele zur Schweiz: Auch die Slowaken hatten vier NHL-Profi im Team und der absolute Star war auch ein Verteidiger: Zdeno Chara, die Slowakische Antwort auf Mark Streit.

Was haben die Slowaken besser gemacht als die Schweizer? Vom spielerischen Potenzial her sind die beiden Teams durchaus vergleichbar. Die Schweiz verlor hier in Helsinki die entscheidende Partie um die Viertelfinals gegen die Slowakei 0:1.

Der kleine, aber feine Unterschied

Der ganz grosse Unterschied liegt in der Ausgangslage. Die Slowaken wussten, dass sie keine Chance hatten – also beschlossen sie, diese Chance zu nutzen. Als Aussenseiter entwickelten sie im Laufe des Turniers die grössere Leidenschaft, mannschaftliche Geschlossenheit und taktische Disziplin als die Schweizer. Die Slowaken wussten, dass sie die auf dem Papier vielleicht schwächste Mannschaft seit dem WM-Titel von 2002 hatten – und die Schweizer, dass sie das auf dem Papier das talentierteste WM-Team der Neuzeit waren.

Bei der internationalen Ausgeglichenheit spielen diese unterschiedlichen psychologischen Voraussetzungen sehr wohl eine Rolle. Der Glaube an die grossen Namen war bei den Schweizern zu gross. Hingegen sind sich selbst langjährige Beobachter einig: Die Slowaken haben seit dem WM-Titel von 2002 nie mehr so sehr wie ein Team gespielt wie hier in Helsinki.

Grössere Kompetenz in der Führung

Für Cheftrainer Wladimir Vujtek ist es ein ganz besonderer Triumph. Er ist der erste slowakische Nationaltrainer mit tschechischem Pass und hat die Mannschaft in dieser Saison übernommen. Er ist am Tag des Viertelfinaltriumphes über Kanada 65 geworden. Der ehemalige Mittelstürmer tingelt seit 1982 als Coach durch Osteuropa (Russland, Tschechien) und strahlt eine ähnliche Grantligkeit aus wie Sean Simpson.

Der grösste Unterschied zu Sean Simpson: Die grössere Kompetenz im Umfeld. Mit Jergus Baca hat er nicht einen charismatischen WM-Helden von 2002 als Assistenten. Die Delegation wird in Helsinki von Verbandsboss Igor Nemecek persönlich geführt und als Teammanager amtet Verbandsekretär Otto Sykora. Welch ein Unterschied zur Operetten-Führung unseres WM-Teams mit den Operetten-Assistenten Manuele Celio und Lance Nethery und dem Operetten-Teamanager Marcel Enkerli – und einem Verbandspräsidenten, der in Helsinki die Rolle des Ungeheuers von Loch Ness gespielt hat: Alle hatten schon von Philippe Gaydoul gehört und gelesen. Gesehen hat ihn «an der Front» hingegen keiner. Sportdelegationen werden aber «im Felde» geführt. Durch Präsenz und Charisma.

Diese Entschlossenheit, von ganz oben bis ganz unten durch starke Persönlichkeiten demonstriert, ist die ganz grosse Differenz zwischen den Slowaken und den Schweizern in Helsinki.

Auf dem Papier praktisch gleichwertig

Wie die Slowaken sind auch die Schweizer dazu in der Lage, einen arroganten Favoriten zu kippen. Spielerisch ist die Differenz zwischen der Schweiz und der Slowakei gering, auf dem Papier sind die beiden WM-Teams praktisch gleichwertig. Der grösste Unterschied machten die Torhüter: Jan Laco hat eine Turnier-Fangquote von 92,78 Prozent. Tobias Stephans Fangquote steht bei 88,46 Prozent und jene von Reto Berra bei 88,00 Prozent. Als Grundregel gilt seit ewigen Zeiten: Wenn die Goalies nicht mindestens 90 Prozent der Schüsse halten, ist auf WM-Niveau ein Sieg fast unmöglich.

Fatale Arroganz der Kanadier

Die Kanadier sind in allererster Linie an ihrer Arroganz gescheitert. Vom Talent her gut genug, um den WM-Titel zu gewinnen. Von der Einstellung her miserabel. Sie sind Vertreter dieser Klasse der «Masters of the Universe» aus der NHL, die davon ausgehen, dass sie wegen ihrer Zugehörigkeit zur NHL von Haus aus besser sind. Eine Arroganz, die bisher die Amerikaner viel weniger heimgesucht hat. Eine Arroganz, die verhängnisvoll ist: Die Zeiten ändern sich, das internationale Eishockey wird europäischer. Die Kanadier sind zum dritten Mal in Serie im WM-Viertelfinale gescheitert.

Für die Slowaken und die Schweizer gilt: Es muss alles zusammen passen, wenn der Triumph gelingen soll. Die Slowaken haben mehr dafür getan, dass alles passt, dass ihr Nationaltrainer gute Voraussetzungen hat. Deshalb haben sie triumphiert – und die Schweizer nicht.

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