Sexuelle Nötigung: «Ein Verstoss gegen den Geist der Revolution»
Aktualisiert

Sexuelle Nötigung«Ein Verstoss gegen den Geist der Revolution»

In Ägypten und den USA herrscht Empörung über den sexuellen Übergriff auf eine CBS-Reporterin in Kairo. Viele Frauen am Nil kennen das Problem aus eigener Erfahrung.

von
pbl
Lara Logan am letzten Freitag auf dem Tahrir-Platz, kurz bevor sie attackiert wurde.

Lara Logan am letzten Freitag auf dem Tahrir-Platz, kurz bevor sie attackiert wurde.

Die Geschichte sorgte weltweit für Aufsehen: Am letzten Freitag wurde Lara Logan, eine Reporterin des US-Fernsehsenders CBS, während den Feiern nach dem Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak auf dem Tahrir-Platz angegriffen und sexuell genötigt. Die 39-Jährige sei von ihrer Crew getrennt, umzingelt und geschlagen worden und habe «einen brutalen und anhaltenden sexuellen Übergriff erlitten», teilte der Sender mit.

Die gebürtige Südafrikanerin befindet sich wieder in den USA und «erholt sich zu Hause», so CBS. Am Mittwoch telefonierte US-Präsident Barack Obama mit Lara Logan, zum Inhalt des Gesprächs äusserte sich das Weisse Haus nicht. In Ägypten zeigten sich Mitglieder der Protestbewegung bestürzt und entsetzt über den Vorfall. Es handle sich um einen schweren Verstoss «gegen den Geist der Revolution», sagte der Autor Ahdaf Soueif dem «Guardian».

Belästigung ist weit verbreitet

Einige Aktivisten suggerierten, es handle sich um eine Tat von Mubarak-Anhängern. Diese haben während der 18-tägigen Proteste mehrfach ausländische Journalisten attackiert, auch sexuelle Belästigung und Einschüchterung gehörten zu ihrem Repertoire. Das Problem geht jedoch tiefer: Die Belästigung von Frauen auf offener Strasse ist in Ägypten seit langem weit verbreitet, ohne dass die Regierung wirksam dagegen eingeschritten wäre.

Eine Studie des ägyptischen Zentrums für Frauenrechte aus dem Jahr 2008 ergab, dass 83 Prozent aller Ägypterinnen und sogar 98 Prozent aller im Land lebenden Ausländerinnen einer Form von sexueller Belästigung ausgesetzt war. Entgegen der allgemeinen Annahme hatte die Kleidung der Frauen damit wenig zu tun: Drei Viertel seien verschleiert gewesen.

Weniger Übergriffe als befürchtet

Allerdings stellten viele Frauen auch fest, dass es während der Proteste auf dem Tahrir-Platz zu weit weniger sexuellen Übergriffen gekommen war als befürchtet. «Wir jungen Ägypter sind so stolz auf diese Revolution, und als erstes werden wir verlangen, dass die sexuellen Belästigungen aufhören», sagte die Frauenrechtlerin Marwa Mochtar dem «Guardian»: «Das ist jetzt unser Land und nicht mehr Mubaraks Land, und wir werden nicht erlauben, dass die Übergriffe weitergehen.»

EDA rät von Reisen nach Bahrain ab

Das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) rät seit Donnerstag von Reisen in den Golfstaat Bahrain ab. Es müsse mit weiteren gewaltsamen Auseinandersetzungen und einer Verschlechterung der Lage gerechnet werden, heisst es auf der Webseite des EDA. Das Aussendepartement begründet den Schritt mit der gewaltsamen Auflösung der Kundgebungen der Opposition und dem Einsatz der Armee in dem Golfstaat. Auch bei Reisen in andere Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens rät das EDA derzeit zur Vorsicht.

Die Reisewarnung für Ägypten und Tunesien wurden dagegen entschärft. Badeorte am Roten Meer und an der tunesischen Küste gelten nicht mehr als gefährdet.

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