US-Zwischenwahlen: «Ein Weckruf für die Politik»
Aktualisiert

US-Zwischenwahlen«Ein Weckruf für die Politik»

Shawne Fielding Borer sieht nach dem Wahlausgang beide Parteien in der Verantwortung – und outet sich als leidenschaftlicher Obama-Fan.

von
Kian Ramezani
Shawne Border Fielding hat die letzt Nacht vor dem Fernsehen zugebracht und die Entwicklungen in den Kongresswahlen ihrer amerikanischen Heimat mitverfolgt. (Bild: Bruno Schlatter)

Shawne Border Fielding hat die letzt Nacht vor dem Fernsehen zugebracht und die Entwicklungen in den Kongresswahlen ihrer amerikanischen Heimat mitverfolgt. (Bild: Bruno Schlatter)

Shawne Fielding Borer hat die Kongresswahlen in ihrer Heimat aus der Schweiz mitverfolgt. Mit 20 Minuten Online sprach die gebürtige Texanerin, die in Trennung von Ex-Botschafter Thomas Borer lebt, über die neuen Mehrheitsverhältnisse in den USA. Sie kann dem Wahlausgang durchaus Positives abgewinnen.

Haben Sie selbst auch gewählt?

Nein, diesmal nicht.

Für welche Partei hätten Sie gestimmt?

Vermutlich für die Republikaner. Ich fühle mich keiner Partei zu hundert Prozent verpflichtet, aber ich befürworte eine ausgewogenere Zusammensetzung des Kongresses. Die Demokraten werden die Kontrolle über den Senat behalten, dafür wird das Repräsentantenhaus mehrheitlich republikanisch.

Haben Sie die Wahlnacht am Fernsehen mitverfolgt?

Ja natürlich, ich bin um Mitternacht aufgestanden und habe mich über Fox News und CNN informiert, ich möchte immer beide Seiten hören. Gegen sechs Uhr morgens hat mich dann die Müdigkeit gepackt und ich habe mich wieder schlafen gelegt.

Haben Sie die Resultate erstaunt?

Ganz und gar nicht, das hatte sich so abgezeichnet. Verstehen sich mich nicht falsch, ich finde, Barack Obama ist ein grossartiger Präsident. Aber die Leute haben dieses Mal tatsächlich den Wechsel gewählt und nicht die Hoffnung.

Ist das ein Sieg der Republikaner oder eine Niederlage der Demokraten?

Wie gesagt, die Demokraten werden ja weiterhin den Senat kontrollieren. Ich denke, der Wahlausgang ist ein Weckruf für beide Parteien, nicht zuletzt, weil auch Kandidaten der Tea Party gewählt wurden. Immer wenn Drittkandidaten erfolgreich sind, sind die Politiker gut beraten, den Wählern genau zuzuhören.

Was ist ihr persönlicher Eindruck der Tea Party?

Ich finde es sehr positiv, dass sie einen fundamentalen Dialog ausgelöst haben. Viele Leute haben sich im Vorfeld dieser Wahlen gefragt, ob ihre Anliegen überhaupt von einer der beiden grossen Parteien vertreten werden.

Und Sarah Palin?

Ich denke, sie wird 2012 gegen Barack Obama antreten. Sie ist eine sehr polarisierende Figur und wird in der Lage sein, der Diskussion ihren Stempel aufzudrücken. Vielleicht wird es 2012 noch nicht aufgehen. Möglicherweise ist ihre Strategie auch auf 2016 ausgelegt, wenn Obama nicht mehr antreten kann.

Welche Rolle spielte Obama bei diesen Wahlen?

Nochmals, ich finde ihn fantastisch und kann es kaum erwarten, ihm einmal persönlich die Hand zu schütteln. Er war zwar nicht mein Kandidat, aber er ist mein Präsident. Dass ihm die hohe Arbeitslosigkeit angelastet wird, war abzusehen. Auch er sollte das Wahlergebnis als Weckruf und Aufforderung interpretieren, sich noch stärker um dieses Problem zu kümmern.

Auch für seine Gesundheitsreform wurde er stark kritisiert. In der Schweiz wird die allgemeine Krankversicherung von niemandem in Frage gestellt. Warum ist das Thema unter den Amerikanern so umstritten?

Das Problem ist, dass die Gesundheitskosten in den USA einfach zu hoch sind. Es gibt einfach keinen realistischen Plan für dieses Problem, auch nicht von den Republikanern. Ich denke die beste Lösung hatte damals noch Hillary Clinton präsentiert. Ich könnte mir vorstellen, dass sie in diesem Bereich jetzt auch wieder aktiv wird.

Zum Schluss: Sehen Sie irgendwelche Konsequenzen in den Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA?

Das glaube ich nicht. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind sehr gut und sie arbeiten in wichtigen Themen wie Handel und Menschenrechten zusammen. Das wird weiterhin so bleiben, unabhängig davon, welche Partei gerade an der Macht ist.

Stimmen aus der Schweiz

Mark Nedlin von Republicans Abroad Switzerland: «Ich bin sehr zufrieden mit den Ergebnissen, die Bevölkerung wird jetzt wieder grösseres Vertrauen in die Politik haben. Ich gehe davon aus, dass die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus die Ausgaben der Obama-Regierung begrenzt. Die Beziehungen zwischen den USA und der Schweiz wird dieser Wahlausgang nicht beeinflussen. Beide Länder sind alte Demokratien, seit langer Zeit befreundet und teilen dieselben Ideale. Daran wird sich nichts ändern.»

Ammad Bahalim von Democrats Abroad Switzerland: «Es könnte schlimmer sein. Natürlich haben wir sehr viele Sitze verloren, aber wir haben auch einige wichtige Rennen gewonnen, so werden extreme Kandidaten wie Sharron Angle und Christine O’Donnell nicht im Kongress sitzen. Die Demokraten haben in den vergangenen zwei Jahren sehr viel erreicht, aber es ist uns nicht gelungen, der Öffentlichkeit diese Erfolge nahe zu bringen. Es ist zu hoffen, dass die Republikaner ihre extreme Rhetorik jetzt einstellen und Hand zur Zusammenarbeit mit Präsident Obama bieten. Zwei Jahre Blockade-Politik wäre sehr schlecht für alle Amerikaner.»

Martin Naville von der schweizerisch-amerikanischen Handelskammer: «Abgesehen von der Senatswahl in Nevada, wo sich überraschenderweise der Demokrat Harry Reid durchgesetzt hat, habe ich die Resultate ungefähr so erwartet. Es ist eine historische Schlappe für die Demokraten und hat einen einfachen Grund: Die Wähler fragen sich, geht es mir heute besser als vor zwei Jahren. Wenn die Antwort nein lautet, dann wird immer die regierende Partei bestraft. Für die Schweiz wird die Wahl keine Konsequenzen haben. Abgesehen von kleinen Irritationen wegen der UBS sind die Beziehungen zu den USA immer noch hervorragend und werden es auch bleiben. Innenpolitisch war die Wahl sehr bedeutend, aussenpolitisch weniger.»

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