Gratis-Sonntagszeitung: «Ein weiterer Schritt in Richtung Blocherisierung»
Aktualisiert

Gratis-Sonntagszeitung«Ein weiterer Schritt in Richtung Blocherisierung»

Berichten zufolge will Christoph Blocher den Medienmarkt mit einer kostenlosen Zeitung aufmischen. Die politische Konkurrenz ist bestürzt.

von
J. Büchi
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Wird Christoph Blocher Medienmogul? Laut einem Bericht des Branchenmagazins «Schweizer Journalist» liess der SVP-Stratege Druckofferten für eine Gratis-Sonntagszeitung einholen.

Wird Christoph Blocher Medienmogul? Laut einem Bericht des Branchenmagazins «Schweizer Journalist» liess der SVP-Stratege Druckofferten für eine Gratis-Sonntagszeitung einholen.

Keystone/Walter Bieri
SP-Nationalrat und Ex-Journalist Matthias Aebischer zeigt sich besorgt. «Das ist ein weiterer Schritt in Richtung Blocherisierung.»

SP-Nationalrat und Ex-Journalist Matthias Aebischer zeigt sich besorgt. «Das ist ein weiterer Schritt in Richtung Blocherisierung.»

Keystone/Lukas Lehmann
Als Chefredaktor der neuen Zeitung ist unbestätigten Angaben zufolge Markus Somm (links, im Bild mit Roger Köppel) vorgesehen. Heute ist er Chef der «Basler Zeitung».

Als Chefredaktor der neuen Zeitung ist unbestätigten Angaben zufolge Markus Somm (links, im Bild mit Roger Köppel) vorgesehen. Heute ist er Chef der «Basler Zeitung».

Keystone/Walter Bieri

Der SVP-Mäzen in geheimer Mission: Unter dem Codenamen «007» wolle Christoph Blocher eine Gratis-Sonntagszeitung lancieren, berichtete das Branchenmagazin «Schweizer Journalist». Mit einer geplanten Auflage von 500'000 Exemplaren würde die Zeitung mehr als doppelt so viele Menschen erreichen als alle anderen Sonntagstitel im Land.

Die öffentlichen Reaktionen reichen von Applaus über Ablehnung bis hin zu Spott. «Grosse Bedenken» meldet Matthias Aebischer, SP-Nationalrat und ehemaliger SRF-Journalist, an. «Das ist ein weiterer Schritt in Richtung Blocherisierung.» Als Milliardär habe Blocher das Geld, um den Medienmarkt förmlich zu überschwemmen. Aebischer verweist darauf, dass Blocher erst am Dienstag in vielen Schweizer Tageszeitungen ganzseitige Inserate geschaltet hat, in denen er selber ein Interview gab. Zwar stehe es jedem Bürger frei zu lesen, was er wolle. «Wenn die öffentliche Meinung aber im grossen Stil finanziell beeinflusst wird, ist das problematisch.»

Tessiner Vorbild

SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Autor Peter Keller würde sich über eine Umsetzung der Pläne freuen: «Eine Stimme mehr würde der Medienlandschaft und der politischen Debatte in der Schweiz guttun.» Wer argumentiere, dass die öffentliche Meinung mit einer solchen Zeitung gekauft werde, unterstelle den Wählern Manipulierbarkeit. «Das ist eine Herabsetzung der Bürger.» Keller glaubt, dass eine SVP-Zeitung in der Deutschschweiz genauso populär werden könnte wie der «Mattino della Domenica» – eine Gratis-Sonntagszeitung der Rechtspartei Lega im Tessin.

Aebischer zweifelt nicht daran, dass eine Gratis-Publikation aus Herrliberg über die SVP-Wählerschaft hinaus Anklang fände. «Der Mehrheit der Leser ist es egal, wer hinter einer Zeitung steht – das zeigt das Beispiel der BaZ leider exemplarisch.» Blocher ist Miteigentümer der «Basler Zeitung», weiter richtet sich der SVP-Stratege auch regelmässig über seinen Haus-Sender Blocher TV an ein interessiertes Publikum. Ebenfalls als Blocher-nah gilt die «Weltwoche», die SVP-Nationalrat Roger Köppel gehört.

SVP plante schon 2007 eine Tageszeitung

Dass Blocher seine Stellung im Schweizer Medienmarkt gern ausbauen würde, glaubt auch Politikberater Mark Balsiger. Er geht aber nicht davon aus, dass das Projekt jemals Realität wird. «In der Deutschschweiz ist der Sonntagsmarkt längst übersättigt.» Für einen weiteren Titel sei kein Platz – selbst wenn dieser gratis ist. Dies im Gegensatz zum Tessin, wo die Lega dei Ticinesi seit 1990 erfolgreich die Gratis-Sonntagszeitung «Il Mattino della Domenica» vertreibt.

Der Politologe erinnert zudem daran, dass der damalige SVP-Präsident und heutige Bundesrat Ueli Maurer bereits im Wahlkampf 2007 vollmundig die Lancierung einer eigenen Tageszeitung angekündigt hatte. «Später verschwand die Idee sang- und klanglos wieder.» Die grösste Hürde sind laut Balsiger die Kosten. «Als geschickter Geschäftsmann muss Blocher in seinen Analysen zum Schluss kommen, dass sich die Investition unter dem Strich nicht auszahlt.»

100 Millionen Anlaufkosten

«Basler Zeitung»-Verwaltungsratspräsident Rolf Bollmann, der das Sonntagszeitungs-Projekt laut dem Bericht des «Schweizer Journalists» leiten soll, schätzt die Anlaufkosten gegenüber dem Branchenportal «Persönlich» auf mindestens 100 Millionen Franken. Er bestätigt, derzeit seien verschiedene Projekte in Prüfung – ob eines davon realisiert werde, könne er nicht sagen. Auch Christoph Blocher lässt ausrichten, es sei noch nichts spruchreif.

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