Siebenjähriger Krieg: Ein Weltkrieg vor den Weltkriegen
Aktualisiert

Siebenjähriger KriegEin Weltkrieg vor den Weltkriegen

Vor 250 Jahren beendete der Friede von Hubertusburg den Siebenjährigen Krieg. Er war der erste Konflikt, der auf drei Kontinenten ausgefochten wurde.

von
Rolf Maag
Friedrich der Grosse löste den Siebenjährigen Krieg aus.

Friedrich der Grosse löste den Siebenjährigen Krieg aus.

Ulrich Bräker, 1735 in der Nähe von Wattwil geboren, war ein einfacher Bauernsohn aus dem Toggenburg. 1756 liess er sich zum Dienst in der preussischen Armee anwerben. In seinen Memoiren «Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg» beschreibt er den gnadenlosen Drill, dem die Rekruten dort ausgesetzt waren, besonders das berüchtigte «Spiessrutenlaufen»: Fehlbare Soldaten wurden durch eine Gasse von 200 Mann getrieben, die mit eingeweichten Haselstecken auf sie eindroschen, «bis Fetzen geronnenen Bluts über die Hosen hinabhingen».

Am 1. Oktober 1756 nahm er an der Schlacht bei Lobositz in Böhmen teil, in der sich ein preussisches und ein österreichisches Heer gegenüberstanden. Eindringlich schildert Bräker das Grauen des Krieges: «Wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen hinweg - fuhren bald vor, bald hinter uns in die Erde - bald mitten ein und spickten uns die Leute weg, als wenn's Strohhalme wären [...]. Preussen und Panduren lagen überall durcheinander; und wo sich einer von diesen letzten noch regte, wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen, oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestossen.» Nach einigen Stunden hatte Bräker genug von dem Gemetzel: Über Felder und Leichenhaufen nahm er Reissaus. «Was gehen mich eure Kriege an!», bemerkte er trocken zu seiner Desertion.

Kampf um Schlesien

Was war das für ein Konflikt, in den Bräker da hineingeraten war? Kurz nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1740 war der preussische König Friedrich II. («der Grosse») über das österreichische Schlesien hergefallen. Das heute zu Polen gehörende Land entlang der Oder war damals sehr begehrt, weil es über zahlreiche Rohstoffe und eine hochentwickelte Textilindustrie verfügte. Im Bündnis mit Frankreich und einigen kleineren deutschen Staaten gelang es ihm, in einem weiteren Krieg seinen Raub zu behaupten. Doch Friedrichs Gegenspielerin, die österreichische Königin Maria Theresia, die ihn privat gerne als «den bösen Mann» bezeichnete, wollte Schlesien unbedingt zurückgewinnen.

1756 schaffte sie es, eine Allianz mit Frankreich, Russland, Schweden und mehreren deutschen Fürstentümern zu schmieden. Friedrich dagegen konnte lediglich auf die finanzielle Unterstützung seines Bündnispartners England zählen. In dieser heiklen Situation entschloss sich der preussische König zur Flucht nach vorne und löste mit einem Angriff auf Sachsen den dritten Krieg um Schlesien aus, der wegen seiner Dauer später «Siebenjähriger Krieg» genannt wurde.

Friedrichs «Mirakel»

Erstaunlicherweise konnte das vergleichsweise kleine Preussen der gewaltigen Übermacht seiner Feinde lange Zeit Paroli bieten. Dazu trugen zweifellos Friedrichs legendäre Feldherrenkünste und die enorme Disziplin seiner Armee bei, doch er hatte auch sehr viel Glück: Als die Lage beinahe verzweifelt war (die Russen hatten bereits Berlin geplündert), starb 1762 die russische Zarin Elisabeth. Ihr Nachfolger, Peter III., schied sogleich aus der antipreussischen Koalition aus, weil er ein erklärter Bewunderer Friedrichs war. Dieses Ereignis bezeichnete Friedrich selbst als «Mirakel des Hauses Brandenburg». Nun nahmen auch die übrigen Kriegsparteien Friedensgespräche auf, die mit dem am 15. Februar geschlossenen Frieden von Hubertusburg (ein Schloss in Sachsen) erfolgreich endeten.

In Europa forderte der Krieg zwar einen hohen Blutzoll (allein für Preussen errechneten Historiker später einen Bevölkerungsrückgang von 400'000 Menschen), änderte aber nichts am bestehenden Zustand. Verhängnisvoll sollte sich später auswirken, dass ausgerechnet Adolf Hitler glaubte, er könne wie sein Vorbild Friedrich einer Welt voller Feinde die Stirn bieten. Bis zuletzt war der «Führer» davon überzeugt, dass auch ihn ein «Mirakel» retten werde.

Kampf in Übersee

Für manche Historiker ist der Siebenjährige Krieg der erste wirkliche Weltkrieg, noch vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918). Der Grund dafür ist, dass er nicht nur in Europa, sondern auch in Nordamerika und Indien tobte. Dort rangen Grossbritannien und Frankreich, die Verbündeten Preussens beziehungsweise Österreichs, um koloniale Einflusssphären. In diesem Kampf behielten die Briten die Oberhand: Am 10. Februar 1763 musste Frankreich im Frieden von Paris Kanada und seine Gebiete östlich des Mississippi abtreten; in Indien behielt es lediglich einige Hafenplätze. Damit war der Grundstein für das britische Weltreich gelegt, das im 19. Jahrhundert weltumspannend werden sollte.

Kurze Zeit später begingen die Briten aber einen grossen Fehler: Weil in Louisiana, dem riesigen Gebiet westlich des Mississippi, das nun offiziell zu Spanien gehörte, nach wie vor rund 9000 Franzosen und zahlreiche aufrührerische Indianerstämme siedelten, hielten sie es für nötig, zum Schutz ihrer eigenen Kolonien eine Armee von 10'000 Mann zu stationieren.

Für den Unterhalt dieser Truppen sollten die Amerikaner aufkommen, indem sie erstmals in ihrer Geschichte der britischen Krone eine Steuer entrichteten. Diese waren erbost, denn sie wollten nur Steuern zahlen, über die sie selbst mitbestimmen konnten; da sie aber im Londoner Parlament nicht vertreten waren, war dies nicht der Fall. Unter dem Slogan «no taxation without representation» begann nun der Widerstand der amerikanischen Kolonisten gegen das britische Mutterland, der 1783 schliesslich mit der amerikanischen Unabhängigkeit endete – auch dies letztlich eine Folge des Siebenjährigen Krieges.

Video: «Friedrich der Grosse – Alles oder Nichts»

(Quelle: Youtube/DokuPlazaHistory)

Video (engl.): «French and Indian War» (1962)

(Quelle: Youtube/mmlearningllc)

Video (engl.): «The Seven Years War» (mit Kartenausschnitten)

(Quelle: Youtube/EmperorTigerstar)

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