Urteil im Fall Vincenz: «Ein wichtiges Warnsignal an alle Banken»
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Urteil im Fall Vincenz«Ein wichtiges Warnsignal an alle Banken»

Fast vier Jahre Freiheitsstrafe kassierte Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Politiker verlangen, dass Finanzmarktleader und Verwaltungsräte in die Pflicht genommen werden.

von
Nicolas Meister
Bettina Zanni
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Gerhard Andrey, Grüne-Nationalrat und Mitglied des Verwaltungsrates der Alternativen Bank Schweiz, sieht im Fall Pierin Vincenz ein Urteil mit Signalwirkung.

Gerhard Andrey, Grüne-Nationalrat und Mitglied des Verwaltungsrates der Alternativen Bank Schweiz, sieht im Fall Pierin Vincenz ein Urteil mit Signalwirkung.

Madeleine Schoder
Solche Fälle, wo Manager sich über alles hinwegsetzen, schadeten dem Finanzmarkt, sagt Gerhard Andrey, Grüne-Nationalrat und Verwaltungsratsmitglied der Alternativen Bank Schweiz. 

Solche Fälle, wo Manager sich über alles hinwegsetzen, schadeten dem Finanzmarkt, sagt Gerhard Andrey, Grüne-Nationalrat und Verwaltungsratsmitglied der Alternativen Bank Schweiz. 

Screenshot/Grüne
Drei Jahre und neun Monate muss Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ins Gefängnis.

Drei Jahre und neun Monate muss Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ins Gefängnis.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Gerhard Andrey, Nationalrat Grüne und Mitglied des Verwaltungsrates der Alternativen Bank Schweiz, sieht im Fall Pierin Vincenz ein Urteil mit Signalwirkung.

  • Ein Wirtschaftsethiker sagt: «Wenn Gerichte solche Signale senden, schauen Banken oder Unternehmen in der Regel ihre Prozesse genauer an.»

  • Eine Compliance-Expertin fordert: «Es braucht einen starken Verwaltungsrat.»

Drei Jahre und neun Monate muss Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ins Gefängnis. Zudem erhielt er eine bedingte Geldstrafe und schuldet der Raiffeisenbank einen Betrag in Millionenhöhe. Auf Firmenspesen in der Höhe von mehreren 100’000 Franken besuchte Vincenz Stripclubs und unternahm private Reisen nach Dubai oder Mallorca.

Weiter sah es das Gericht als erwiesen an, dass Vincenz mit seinem ehemaligen Geschäftspartner Beat Stocker unrechtmässige Gewinne im Rahmen von Transaktionen mit Beteiligungen im Umfeld der Raiffeisen und der Kreditkartenfirma Aduno eingestrichen hatte. Stocker, der ehemalige Chef der Kreditkartenfirma Aduno, kassierte dafür vier Jahre Gefängnis. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Vincenz’ Anwalt hat Berufung angekündigt.

Das Urteil vom Mittwoch stiess auf überraschte Reaktionen. «Drei Jahre und neun Monate ist erstaunlich hoch, ich hätte ein tieferes Strafmass erwartet», sagte etwa SP-Ständerat Daniel Jositsch.

«Ein wichtiges Signal an alle Banken»

Gerhard Andrey, Grünen-Nationalrat und Mitglied des Verwaltungsrates der Alternativen Bank Schweiz, sieht darin ein Urteil mit Signalwirkung. Es sei ein wichtiges Warnsignal an alle Banken, dass man sich an Regeln und ethische Grundsätze zu halten habe, sagt Andrey. «Es gibt gewisse Manager, die das Gefühl haben, sich über alles hinwegsetzen zu können.» So zum Beispiel Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz mit seinen «unhaltbaren» geschäftsbedingten Ausgaben. Auch Top-Manager müssten mit Bedacht mit dem Geld ihrer Kundinnen und Kunden umgehen.

Auch wenn laut Andrey nur wenige Manager über die Stränge schlugen, schadeten sie dem gesamten Finanzplatz und damit dem Wirtschaftsstandort. Es brauche deshalb grundlegende Veränderungen in der Unternehmenskultur problematischer Institutionen. So könne die Vertrauenswürdigkeit in den Schweizer Finanzmarkt gestärkt und die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden.

Ein Schritt in diese Richtung hat der Grünen-Nationalrat bereits gemacht: mit einem Postulat, das hohe Finanzmarktkader besser in die Pflicht nehmen will. Andrey beauftragte den Bundesrat, darzulegen, welche Anpassungen der Werkzeuge der Finanzmarktaufsicht (Finma) nötig wären, um Anreize zu stärkerer individueller Verantwortungsübernahme der höchsten Kader der Finanzinstitute zu schaffen. Das Postulat wurde in der Frühlingssession vom Nationalrat angenommen. Der Ständerat muss noch darüber debattieren. Hans-Peter Portmann, FDP-Nationalrat und Direktor bei der LGT Bank (Schweiz), sagt: «Dass ‹ungetreue Geschäftsbesorgung› auf höchster Führungsebene auch durch Mandatskumulationen entstehen kann, wird die Überprüfung von Codes of Behavior auf Stufe Chefetagen hervorrufen müssen.»

«Es braucht einen starken Verwaltungsrat»

Auch Florian Krause, Wirtschaftsethiker an der Universität St. Gallen, geht davon aus, dass das Urteil in der Bankenwelt Spuren hinterlässt. «Wenn Gerichte solche Signale senden, schauen Banken oder Unternehmen in der Regel ihre Prozesse genauer an.» Er rechne jedoch kaum damit, dass es zu einem generellen Umdenken führe. «Bekommt man in einer Branche bestimmte Handlungsnormen als normal präsentiert, hinterfragt man diese meist nicht.»

Insbesondere in Branchen wie Banken, für die gerade Anonymität und Verschwiegenheit wichtige Werte seien, mag soziale Kontrolle unter Mitarbeitenden laut Krause schwieriger sein. «Exzessive Spesen eines Chefs werden auch deshalb oft nicht hinterfragt oder aktiv übersehen, weil man sich in einer untergeordneten Funktion befindet.» Auch spiele eine Betriebsblindheit eine Rolle. «Eine solche kann ein Unternehmen nur überwinden, wenn es den Blick von aussen reinlässt.»

Anderer Meinung ist Compliance-Expertin Monika Roth. Gegen andere Beschuldigte seien die Strafen schon vergleichbar oder höher ausgefallen wegen entsprechender Vermögensdelikte, sagt sie. «Niemand ist davor gefeit, ins Recht gefasst zu werden – das ist die Quintessenz des Urteils.» Das Urteil werde die Banken auch nicht disziplinieren. Der Fall sage nichts über den Zustand der Banken aus. «Pierin Vincenz hat die Bodenhaftung verloren, was die Angelegenheit zu einem aussergewöhnlichen Fall macht.» Man könne jedoch eine allgemeine Lehre daraus ziehen. «Es braucht einen starken Verwaltungsrat.» Der Verwaltungsrat der Raiffeisen sei ihrer Meinung nach zu schwach und zum Teil inkompetent gewesen.

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