Finanzkrise: «Ein wirtschaftlicher 11. September»
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Finanzkrise«Ein wirtschaftlicher 11. September»

Die US-Wirtschaft trudelt in einer beispiellosen Abwärtsspirale in Richtung einer Rezession.

Der Aktienmarkt stürzt ab, die Kreditwirtschaft kommt zum Erliegen, Banken droht der Zusammenbruch und die Arbeitslosigkeit steigt. Und zuletzt wurde mit dem Scheitern des Rettungspakets für die Finanzmärkte im Kongress auch noch das Vertrauen in die Politik ruiniert. Präsident George W. Bush schien fassungslos, der Notenbank Fed sind zusehends die Hände gebunden.

Es ist «ein wirtschaftlicher 11. September», sagte der Dekan der Wirtschaftsfakultät der Golden Gate University, Terry Connelly, nach dem Scheitern des Rettungspakets. Die Quittung an den Börsen kam prompt: Der Dow Jones Index brach um knapp 780 Punkte ein. Es war der grösste Verlust seiner Geschichte nach Punkten. An der Börse werden Erwartungen gehandelt. Die enttäuschten Erwartungen und Befürchtungen, dass die US-Konjunktur nun scheinbar führungslos immer tiefer in die Krise steuert, drückten die Kurse immer weiter nach unten.

Präsident George W. Bush, Finanzminister Henry Paulson und die Präsidentschaftskandidaten beider Parteien forderten den Kongress zum Einlenken auf, doch die Abgeordneten liessen das 700-Milliarden-Dollar-Paket am Montagabend mit 228 zu 205 Stimmen durchfallen. Seither sind Worte wie Systemkrise, Kernschmelze und Rezession nicht mehr aus der Debatte wegzudenken.

Zahlreiche Ökonomen befürchten nach dem «Schwarzen Montag» drastische Folgen. Der Chefvolkswirt des Wirtschaftsdienstes von Fact and Opinion aus New York, Robert Brusca, sagt, die Gefahr sei vergleichbar mit einer Mahnung des Arztes, das Rauchen aufzugeben. «Du wirst nicht morgen und nicht nächste Woche sterben, wenn Du nicht aufhörst. Aber irgendwann erwischt es Dich», sagt Brusca.

Krise lässt Konsum einbrechen

Jüngste Prognosen gehen davon aus, dass die US-Wirtschaft im vierten und im darauffolgenden ersten Quartal 2009 schrumpfen wird. Damit ist die klassische Definition einer Rezession gegeben. Die Arbeitslosenrate steht mit 6,1 Prozent bereits auf einem Fünfjahreshoch und soll bis Ende nächsten Jahres auf 7 oder 7,5 Prozent steigen. Das wäre der höchste Stand seit der Rezession von 1990. «Sowohl Unternehmen als auch Konsumenten werden Angst bekommen und den Geldbeutel zuknöpfen», sagt der Präsident von ClearView Economics, Ken Mayland. Der Schneeball, der die Wirtschaft getroffen habe, werde sich zu einer Lawine entwickeln, warnt Mayland.

Die meisten Amerikaner haben ihr Kapital hauptsächlich zwischen Eigenheim und Börse aufgeteilt. Wenn beide Anlagen weiter an Wert verlieren, werden viele damit beginnen, den Gürtel enger zu schnallen. Doch wenn sich die Amerikaner beim Konsum zurückhalten, dann wackelt das Rückgrat der US-Wirtschaft.

«Unser Werkzeugkasten ist umfangreich, aber ungenügend»

Finanzminister Paulson warnte die Kongressabgeordneten vor der Abstimmung über das Rettungspaket eindringlich: «Unser Werkzeugkasten ist umfangreich, aber ungenügend.» Die Regierung hat das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand. Ohne das Milliardenpaket obliegt die Steuerung der Krise wieder dem Einlagensicherungsfonds (FDIC) und der Fed.

Doch das Vertrauen zwischen den Banken kann auch die Fed nicht herzaubern, die Institute wollen sich gegenseitig kein Geld mehr leihen. Nachdem der Befreiungsschlag mit dem Rettungspaket missglückt ist, bliebe der Zentralbank noch eine weitere Senkung der Leitzinsen unter das bereits niedrige Niveau von 2 Prozent.

Doch Volkswirte bezweifeln, dass eine weitere Senkung viel Vertrauen und Wachstum schaffen könnte. Bislang ist unklar, wie viele Banken noch zusammenbrechen könnten. Ende Juni ging der FDIC davon aus, dass 117 US-Banken und Sparkassen in finanziellen Schwierigkeiten waren, die höchste Zahl seit 2003.

Die Kreditvergabe ist der Sauerstoff der US-Wirtschaft. Das Rettungspaket hätte hunderte Milliarden Dollar faule Kredite neutralisiert und den Banken damit wieder Luft zum Atmen gegeben. Politik und Wirtschaft verteidigen den massiven Staatseingriff des Rettungspakets mit einer drohenden Systemkrise. Wenn das Bankensystem zusammenbreche, werde das die Steuerzahler noch viel teurer zu stehen kommen, warnten Bush und Paulson. Ein Ende der Krise scheint noch nicht absehbar, auch wenn das Rettungspaket in dieser Woche noch mit leichten Änderungen angenommen würde. (dapd)

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