Folgenschwerer Minarettentscheid?: Ein Wirtschafts-Jihad kostet Milliarden
Aktualisiert

Folgenschwerer Minarettentscheid?Ein Wirtschafts-Jihad kostet Milliarden

Die Annahme der Anti-Minarett-Initiative schlägt in der islamischen Welt hohe Wellen. Extremistische Kreise drohten mit einem Boykott von Schweizer Produkten. Würden die Muslime ernst machen, könnten der Schweiz Milliardenschäden entstehen.

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sas/scc

Die libysche Webseite hannibal.ly hat wegen der Inhaftierung von Hannibal Gaddafi bereits vor rund zwei Wochen zum Boykott von Schweizer Produkten aufgerufen. Passiert ist bisher gar nichts. Würde aber wegen dem Minarettverbot die gesamte islamische Welt Schweizer Produkte boykottieren, nähme die Schweizer Wirtschaft beträchtlichen Schaden.

Weltweit leben 1,5 Milliarden Menschen mit islamischem Glauben, das entspricht jedem fünften Erdenbürger. Für Schweizer Unternehmen sind Muslime folglich eine grosse Zielgruppe: So ist beispielsweise der Schweizer Nahrungsmittel-Multi Nestlé bereits vor Jahren in die Produktion von «Halal»-Lebensmitteln eingestiegen, wie sie laut Koran vorgeschrieben sind. Mit diesen Produkten setzte Nestlé im vergangenen Jahr 5,5 Milliarden Franken um - gemäss dem «Spiegel» mehr als mit Bioprodukten. Das macht fünf Prozent des Gesamtumsatzes aus. Interessant sind für Nestlé insbesondere Südostasien und der Nahe Osten, wo der Nahrungsmittelhersteller auch über eigene Produktionsstätten verfügt.

Wichtigster Kunde: Vereinigte Arabische Emirate

Im Jahr 2008 exportierte die Schweiz Waren im Wert von 14,5 Milliarden Franken in Länder mit islamischer Bevölkerungsmehrheit. Das entspricht rund 7 Prozent der helvetischen Ausfuhren. Der grösste «muslimische Kunde» waren im vergangenen Jahr die Vereinigten Arabischen Emirate, die Schweizer Güter im Wert von 2,6 Milliarden Franken einführten. Dahinter folgten mit einem Exportvolumen von 2,5 Milliarden Franken die Türkei und mit 1,6 Milliarden Saudi-Arabien.

Für die Schweizer Exportförderungsorganisation Osec versprechen insbesondere bevölkerungsreiche muslimische Staaten wie Malaysia und Indonesien, das über zweihundert Millionen Einwohner hat, gute Geschäfte. Denn Länder mit einem demographischen Wachstum werden im Gegensatz zu westlichen Ländern ein hohes Konsumwachstum aufweisen. Zu den aufstrebenden Schwellenländern zählt Osec auch die Golfstaaten. Diese könnten sich nicht nur auf ihren Ölreichtum verlassen und seien deshalb bestrebt, Know-how-Zentren heranzubilden, denen die Schweiz die Technologie liefern könne.

Bankiervereinigung: Keine Angst um Schweizer Finanzplatz

Auch für die Schweizer Banken sind islamische Länder von Bedeutung: Insbesondere das Islamic Banking, welches Bankgeschäfte nach islamischen Regeln erledigt und ohne direkte Zinszahlungen funktioniert, wird zunehmen. «Islamische Kunden – speziell aus dem arabischen Raum – sind für die Banken in der Schweiz eine wichtige und wachsende Kundengruppe», sagt Thomas Sutter von der Bankiervereinigung. Welche islamischen Staaten denn genau für Schweizer Banken von Bedeutung sind, kann Sutter nicht sagen. «Das dürfte von Bank zu Bank verschieden sein.» Sicher ist aber: Islamic Banking ist ein Segment, das an Bedeutung zunehmen dürfte.

Dass die islamische Welt nun über die Schweiz verärgert ist und Genf als wichtigster Schweizer Finanzplatz für arabische Anleger Kapital verliert, glaubt Sutter nicht. «Wir gehen davon aus, dass die Kunden aus dem islamischen Raum zwischen der Abstimmung und dem Umstand, dass die Schweiz ein offenes und liberales Land ist, unterscheiden können.» Zudem habe der Schweizer Finanzplatz Vorzüge wie Kompetenz, Stabilität oder Diskretion.

Sechs Prozent der Pharma-Exporte gehen in muslimische Länder

Von einem Schweizer-Produkte-Boykott betroffen wäre auch die Chemie- und Pharmaindustrie. Als grösste Exportindustrie ist sie für rund 40 Prozent der Ausfuhren verantwortlich. Sechs Prozent der Schweizer Pharmaexporte gehen in muslimische Länder, wobei die Türkei, Saudi-Arabien und der Iran die wichtigsten Abnehmer sind. «Mit einem Boykott würden sich die muslimischen Staaten bei Pharmaprodukten vor allem ins eigene Fleisch schneiden», sagt Beat Moser, Sprecher der Branchenvereinigung SGCI Chemie Pharma Schweiz. Grund: Die exportierten Medikamente lassen sich nicht einfach durch ein Konkurrenzprodukt ersetzen wie beispielsweise im Uhrensektor.

Dänemarks Trick

Boykottaufrufe für Produkte aus bestimmten Ländern gab es immer wieder. Letztmals im grösseren Stil traf es 2006 Dänemark – als Folge des Karikaturenstreits. Dänische Konsumgüter durften im Iran, in Saudi-Arabien, Indonesien und Malaysia nicht mehr importiert werden, was der dänischen Wirtschaft einen Schaden von geschätzten 1,6 Milliarden Franken verursachte. 11 000 dänische Arbeitsplätze waren vom Boykott betroffen. Die dänische Wirtschaft behalf sich jedoch mit einer einfachen, aber nützlichen Massnahme: Statt «Made in Denmark» druckten die cleveren Dänen für den Export «Made in the EU» auf ihre Produkte. Der Schweiz als Nicht-EU-Land bleibt dieses «Trickli» aber leider verwehrt.

Auswirkungen könnte ein Schweiz-Boykott auch für die hiesige Tourismusindustrie haben. Touristen mit islamischem Glauben machen fünf Prozent der ausländischen Gäste aus.

Indonesischer Religionsrat droht

Der Indonesische Rat der Religionsgelehrten (MUI), das Ulema Council, hat die Annahme des Minarett-Verbots in der Schweiz scharf kritisiert. Der Entscheid sei Ausdruck von Hass und Rassismus und klarer Ausdruck von religiöser Intoleranz in der Schweiz, erklärte Ratssekretärin Wellya Safitri. «Jakarta muss jetzt von der Schweizer Regierung Garantien verlangen, dass die Religionsfreiheit auch für Muslime garantiert ist und der Abstimmungsausgang nicht die Schweizer Politik bestimmt», sagte die Sprecherin des obersten muslimischen Rats weiter. Ansonsten müsse die indonesische Regierung harte rechtliche oder politische Massnahmen ergreifen und allenfalls wirtschaftliche Sanktionen und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen ins Auge fassen. Der Entscheid aus der Schweiz habe bei MUI wie ein Blitz eingeschlagen, stellte der Vorsitzende für Religionsfragen, Slamet Effendy Yusuf fest. «Das Verbot ist gegen die Menschenrechte und ein schlechter Präzedenzfall für die Religionsfreiheit. Wir sind gegen solch rassistische Entwicklungen», sagte er.

(AP)

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