07.09.2020 08:38

Ein zu Unrecht geächteter Kompakt-Amerikaner?

Für Ford USA war der Pinto Teil einer Abwehrstrategie gegen die stetig stärker werdenden Importautos. Dabei hatte der Kompaktwagen mit Gegenwind zu kämpfen.

von
Simon Kwasny
7.9.2020
Bei diesem Ford Pinto handelt es sich um eine spezielle «Charlie’s Angels»-Edition.

Bei diesem Ford Pinto handelt es sich um eine spezielle «Charlie’s Angels»-Edition.

Theodore W. Pieper - Courtesy RM/Sotheby’s / www.zwischengas.com
Die Form erinnert durchaus ein wenig an den Ford Mustang.

Die Form erinnert durchaus ein wenig an den Ford Mustang.

Theodore W. Pieper - Courtesy RM/Sotheby’s / www.zwischengas.com
Der Ford Pinto ist nur 4,14 m kurz.

Der Ford Pinto ist nur 4,14 m kurz.

Theodore W. Pieper - Courtesy RM/Sotheby’s / www.zwischengas.com

Darum gehts

  • Mit dem Pinto hatte Ford USA Grosses vor.
  • Allerdings hatte das «kleine Pferd» mit ordentlich Gegenwind zu kämpfen.
  • Unter anderem hatte das Wagenmodell den Ruf, ein Feuerteufel zu sein.
  • Dabei war er nicht viel gefährlicher als andere Wagen.
  • Er war sogar um einiges sicherer als der grösste Konkurrent.

Mit dem Einmarsch der Importautos aus Europa und Japan, namentlich des VW Käfer und kompakter Wagen von Toyota, Datsun und Co., musste sich die amerikanische Autoindustrie in einem für sie ungewohnten Segment unter Beweis stellen – den Kompaktwagen.

Um der Konkurrenz Gegendruck bieten zu können, startete Ford die Entwicklung des Pinto (spanisch für «kleines Pferd», also ein kleiner Mustang, wenn man so will).

Aggressiver Entwicklungszeitplan

Ein normaler Entwicklungszyklus dauerte damals in der amerikanischen Autoindustrie im Schnitt etwa 43 Monate. Entwicklungschef Lee Iacocca wollte, dass der Pinto bereits 1971 bei den Händlern steht, was den Entwicklungszeitraum auf knappe 25 Monate herunterschraubte.

Den Ingenieuren gelang das fast Unmögliche, und das «kleine Pferd» stand 1971 in den Showrooms der Autohändler. Man konnte zwischen zwei Vierzylindermotoren und (später) einem V6 auswählen, welche zwischen 76 und 101 PS leisteten.

Feuerteufel?

Die Eile bei der Entwicklung sollte sich für Ford noch rächen. Nicht unüblich für diese Zeit war der Benzintank, zwischen Heckstossstange und Hinterachse montiert. Die Tankstutzen brachen so oft ab. Dann reichte ein winziger Funke, beispielsweise verursacht durch bei einem Unfall aneinanderreibende Blechteile, um eine riesige Stichflamme zu entfachen. Daraus resultierten über die Bauzeit des Pinto 60 Tote und 120 schwer verletzte Personen.

Typisch für die USA kam es auch zu diversen Gerichtsprozessen. Ford zahlte den Opfern oft horrende Summen, um eine aussergerichtliche Einigung herbeizuführen.

Die «Mother Jones»-Story

1977 publizierte das US-amerikanische Magazin «Mother Jones» einen Artikel zur Problematik mit dem Benzintank des Pinto unter dem Titel «Pinto Madness», geschrieben vom späteren Pulitzerpreis-Nominierten Mark Dowie. Gemäss «Mother Jones» soll Ford bereits während der Entwicklung über die Problematik Bescheid gewusst haben. Schon bei den Crashtests vor Produktionsbeginn wurde klar, dass der Benzintank bei einem Unfall extrem verwundbar war.

Zum einen war die Ursache des Problems sicherlich der enorm straffe Zeitplan. Zum anderen aber wägte Ford damals jede Entscheidung mit dem Kosten-Nutzen-Verhältnis ab. In diese Analyse gingen auch Todesfälle als mögliche Kosten ein. Die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) legte auf Druck von Ford und anderen amerikanischen Autobauern den Wert für ein Menschenleben fest, um so für die Autobauer allfällige Kosteneinsparungen zu rechtfertigen. Jetzt würde man sich denken, dass die Zahl ins Astronomische gehen muss. Nicht ganz, denn der Wert für ein Menschenleben betrug damals laut NHTSA 200’725 US-Dollar.

Zu Unrecht verurteilt?

Der Ford Pinto hat jahrelang das Stigma eines Feuerteufels mit sich getragen. Insgesamt war er aber kaum weniger sicher als seine Konkurrenten. Dies zeigt ein Bericht der NHTSA aus dem Jahr 1975. Der Pinto war für 298 Tote pro Million Fahrzeuge verantwortlich, während die Konkurrenz von Chevrolet und Datsun 288 und 294 Tote pro Million Fahrzeuge verursachte. Er war sogar um einiges sicherer als der grösste Konkurrent, der VW Käfer, welcher 378 Tote pro Million Fahrzeuge zu verzeichnen hatte.

Die Grundkonstruktion hatte eigentlich überzeugt. Der Pinto war ein ausgesprochen spritziges Wägelchen der amerikanischen Kompaktklasse mit ausgefallenem Design, zuverlässigen Motoren und günstigem Preis.

Den Artikel in voller Länge und mit weiteren Bildern gibt es auf www.zwischengas.com.

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11 Kommentare
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Jo Blocher

08.09.2020, 07:59

Seit den 1970er Jahren habens die Amis nicht mehr mit dem Auto- Design. Dieser Ford Pinto ist eine potthässliche Fehlkonstruktion.....wie vieles von Ford= Fix Or Repair Daily......

Marcel

07.09.2020, 10:51

War 1981 längere Zeit in den USA. Ein Kollege hatte einen Pinto, die stärkere Version. Er lief ganz anständig und der Innenraum war ähnlich wie der Mustang. Aber äusserlich.... und die Farbe: pot hässlich.

Häää

07.09.2020, 10:22

ist das nicht die Schwarte aus Wayne's World?