Aktualisiert 02.11.2011 15:22

Hungerstreik-Drama

Eine afghanische Soap-Opera

Die ehemalige Abgeordnete Simeen Barakzai darf seit August nicht mehr im afghanischen Parlament sitzen wegen angeblichen Wahlbetrugs. Seit vier Wochen ist sie in den Hungerstreik getreten – doch glauben will ihr keiner.

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Die Rolle des Opfers: Schwach und entfräftet zeigte sich Simeen Barkazai vor den Kameras. (Bild:  AFP/Shah Marai)

Die Rolle des Opfers: Schwach und entfräftet zeigte sich Simeen Barkazai vor den Kameras. (Bild: AFP/Shah Marai)

Simeen Barakzai geniesst seit Wochen die volle Aufmerksamkeit der Medien. Einige berichten über sie und ihren Hungerstreik, als ob sie eine Heldin wäre, andere finden nur herabschätzende Worte für ihre Aktion. Zum Teil werden ganze Sendungen rund um ihre Person gestaltet, im besten Sinne des Unterhaltungs-TV. Egal in welcher Form, Medienpräsenz ist gut und Barakzai scheint sie zu gefallen.

Die Geschichte von Simeen Barakzai begann am 18. September 2010. Die junge Afghanin war ins Parlament gewählt worden. Doch ihre Freude war von kurzer Dauer: Im August dieses Jahres entschied die Hohe Kammer des Parlaments per Dekret, dass sie und acht andere Abgeordnete ihre Sitze verlassen sollten. Die neun Parlamentarier hätten «Wahlkorruption» begangen, lautete der Vorwurf.

Geschwächt und doch so stark

Das liess sich Barakzai nicht lange gefallen: Am 3. Oktober campierte sie vor der Parlamentstür und kündigte den Beginn ihres Hungerstreiks an. Plötzlich war die Frau, die sonst nicht gross aufgefallen war, landesweit berühmt geworden. Die Bilder, die sie geschwächt in ihrem Bett zeigten, machten die Runde in allen Medien. Sie erhielt Solidaritätsbekundungen aus allen Seiten und man redete über die «Schande für das Land, dass eine Abgeordnete vor dem Parlamentsgebäude stirbt», weil sie ihr Mandat nicht erfüllen könne.

Barakzai schien es inzwischen von Tag zu Tag schlechter zu gehen. Sie sei so geschwächt, dass sie nicht mehr reden könne, sagten ihre Unterstützer. Doch die afghanische Regierung zeigte wenig Mitleid und liess die Frau am 21. Oktober ausquartieren. Barakzai wehrte sich mit Händen und Füssen. Sie schrie herum und wälzte sich am Boden. Tatsächlich soll es die Behörden enorm viel Kraft gekostet haben, die «geschwächte» Demonstrantin zu packen und in ein Spital zu bringen, schreibt die spanische Zeitung «El Mundo».

Die Szenen der strampelnden Frau wurden in sämtlichen afghanischen Nachrichtensendungen gezeigt. Bald stellten sich alle nur noch eine Frage: Wie konnte es sein, dass Barakzai auf einmal so munter war? Lag sie denn nicht fast im Sterben? Plötzlich entstanden ernsthafte Zweifel an ihrem Hungerstreik. Manche erzählten, sie habe den Hungerstreik nur am Tag eingehalten, um nachts umso mehr reinzuhauen.

«Eine Farce»

«Sie hat in den letzten 18 Tagen nichts gegessen», antwortete ihr Bruder Parviz Basharmal auf die Fragen der Medien, ob die ehemalige Abgeordnete wirklich keine Nahrungsmittel eingenommen habe. Die Streikende selbst behauptete, sie habe im Spital nur ein wenig Suppe gegessen – und strich mit der Hand über ihren Bauch. Am Krankenbett wurde sie sogar vom ehemaligen Präsidenten Subghatullah Mujaddedi besucht, der ihr liebevoll – und vor laufender Kamera – Suppe in den Mund löffelte. Er versprach ihr einen Sitz im Senat, wenn sie nun «ein braves Mädchen» sei und sich erhole.

Nach vier Tagen wurde Barakzai aus dem Spital entlassen. Sie habe 16 Kilo abgenommen und nur eines wieder zugenommen, erzählte sie den Journalisten. Doch diejenigen, die mit ihr regelmässig zu tun haben, können nicht unbedingt behaupten, dass die Frau jetzt schlanker wirkt. Höchstens ein wenig ausgezehrt.

Nun debattiert das afghanische Fernsehen seit Tagen, ob Simeen Barakzai die Leute angeschwindelt hat oder nicht. Der Sender Noorin TV hat eine mehrstündige Spezialsendung vorbereitet, in der das Leben der Politikerin komplett auseinandergenommen wurde. Die Hauptdarstellerin meldete sich daraufhin zu Wort und behauptete, dass das politische Leben in Afghanistan «eine Farce» sei. Ausgerechnet sie nimmt ein solches Wort in den Mund.

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