Aktualisiert 28.06.2011 10:46

Aufnahme läuftEine App horcht fehlbare Polizisten aus

Mit einer in den USA entwickelten App lassen sich bequem und diskret Gespräche aufzeichnen. Der Erfinder will den Bürgern damit ein Werkzeug gegen Beamtenwillkür in die Hand geben.

von
kri

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für zivilisierte Gesellschaften ist das Gewaltmonopol der Staatsmacht. Dem gegenüber steht das Problem, wer diese Macht kontrollieren soll, damit sie nicht gegen die Bürger missbraucht wird. Oder wie schon die alten Griechen und Römer sagten: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Ein amerikanischer Programmierer glaubt, eine moderne Antwort auf diese uralte Frage gefunden zu haben: CopRecorder. Diese App zeichnet diskret Gespräche auf und könnte zum Albtraum selbstherrlicher Ordnungshüter werden.

Entwickelt hat den CopRecorder der 23-jährige Universitätsabsolvent Rich Jones. Er bezeichnet sich selbst als Hacker und hat laut einem Bericht des US-Magazins «The Atlantic» mit anderen Apps genügend Geld verdient, um seine Zeit für eine gemeinnützige Sache einzusetzen. Seine Vision ist eine Gesellschaft, in der Bürger und Beamte über gleich lange Spiesse verfügen. Die Schwachen sollen sich mit dem CopRecorder gegen eine unrechtmässige Behandlung durch die Starken zur Wehr setzen können.

Jeden Tag 50 bis 100 Einsendungen

CopRecorder ist gratis und funktioniert auf dem iPhone und auf Android. Die Handhabung ist sehr einfach. Wenn die App gestartet wird, erscheint ein Aufnahmeknopf auf dem Bildschirm. Durch Drücken verschwindet die App komplett – aber im Hintergrund läuft ab diesem Zeitpunkt die Aufnahme. Damit ist sichergestellt, dass im Bedarfsfall schnell gestartet werden kann und die betroffene Amtsperson davon nichts mitbekommt. Um die Aufnahme zu beenden, muss man die App erneut aufrufen.

Anschliessend kann die Tondatei mit Zusatzinformationen wie einer Ortsangabe und einer Beschreibung versehen und an Rich Jones übermittelt werden. Wenn er eine Aufnahme für relevant und interessant befindet, publiziert er sie anonymisiert auf seiner Website openwatch.net. Rund 50 000 Benutzer haben CopRecorder bisher heruntergeladen. Von ihnen bekommt Jones täglich zwischen 50 und 100 Aufnahmen zugeschickt. Darunter findet er laut eigenen Angaben jeden zweiten Tag etwas Interessantes.

Problematische Alkoholtests

Ein prominentes Beispiel in seiner Sammlung ist der Fall eines Bürgers, der nach einem Restaurantbesuch in eine Alkoholkontrolle geriet. Mit einem bestimmten Hintergedanken startete er CopRecorder: Er ist Strafverteidiger und wollte schon immer wissen, warum alle seine Mandanten die Alkoholtests der Polizei mitmachen, obwohl sie gesetzlich nicht dazu verpflichtet sind. Im Verlauf der Kontrolle gelang es ihm mehrmals, mit dem CopRecorder Fehlverhalten der Polizei zu dokumentieren. Im Wissen, dass er an diesem Abend nichts getrunken hatte, konnte er alles seelenruhig über sich ergehen lassen.

Das Ziel von openwatch.net ist nicht primär, Polizisten blosszustellen, sondern die Bürger für ihre Rechte zu sensibilisieren. Im Fall des nüchternen Strafrechtverteidigers heisst das: Laut Gesetz muss ein Autofahrer die Scheibe nur einen Spalt öffnen, um mit der Polizei kommunizieren zu können. Auf die Frage, ob er Alkohol getrunken hat, muss er nicht antworten. Tests wie auf einem Bein stehen darf er im Unterschied zum Blastest ablehnen.

Der totale Überwachungsstaat

Rich Jones sagt, Julian Assange und Wikileas hätten ihn zur Entwicklung von CopRecorder inspiriert. Seine Alle-Macht-dem-Bürger-Geschichte hat allerdings auch problematische Aspekte: In manchen US-Staaten wie Massachusetts und Illinois ist es verboten, heimlich eine Begegnung mit der Polizei zu dokumentieren (ebenso in der Schweiz). Das kümmert Jones nicht. «Ich akzeptiere auch Aufnahmen aus solchen Staaten», sagt er gegenüber «The Atlantic».

Jones will dem allmächtigen Überwachungsstaat selbstbewusste, mündige Bürger entgegensetzen. Am besten, jeder besässe ein Smartphone mit installiertem CopRecorder. Inwieweit die Überwachungsgesellschaft dem Überwachungsstaat vorzuziehen ist, scheint allerdings zweifelhaft.

Hatten Sie auch schon Begegnungen mit der Polizei, die Sie im Nachhinein gern aufgenommen hätten? Was halten Sie von der Idee eines CopRecorders? Diskutieren Sie mit.

CopRecorders auf Android. Durch Drücken des einzigen Knopfs startet die Aufnahme und die App verschwindet im Hintergrund.

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