Gesucht: Eine der übelsten Gestalten auf Erden
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GesuchtEine der übelsten Gestalten auf Erden

Joseph Kony hat Zehntausende Kinder entführt und zu Soldaten und Sexsklaven gemacht. Die Kampagne «Kony 2012» hat einen der brutalsten Rebellenführer im Visier.

von
pbl
Joseph Kony (r.) begrüsst Vertreter der ugandischen Regierung am 31. Juli 2006 zu Friedensgesprächen. Zwei Jahre später liess er sie platzen.

Joseph Kony (r.) begrüsst Vertreter der ugandischen Regierung am 31. Juli 2006 zu Friedensgesprächen. Zwei Jahre später liess er sie platzen.

Die Kampagne «Kony 2012» stösst im Internet derzeit auf enorme Beachtung – und viel Kritik. Eines aber lässt sich nicht bestreiten: Der Mann, den sie ins Visier nimmt, ist eine der übelsten Gestalten, die derzeit auf diesem Planeten ihr Unwesen treiben. Seit 2005 werden Joseph Kony, der Anführer der Lord's Resistance Army (Widerstandsarmee des Herrn – LRA), und vier seiner Mitstreiter vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen gesucht.

Die Liste der Vorwürfe gegen den ugandischen Rebellenchef ist lang und grauenvoll. Kony soll mehrere zehntausend Kinder entführt und zu Soldaten und Sexsklaven gemacht haben. Wer sich widersetzt oder zu fliehen versucht, wird auf schreckliche Weise umgebracht. Der LRA werden unzählige Massaker an Zivilisten zur Last gelegt, bei denen etwa den Opfern Körperteile abgehackt und gekocht wurden. Die Überlebenden wurden gezwungen, sie zu essen. Mehr als 100 000 Menschen sollen der LRA zum Opfer gefallen sein.

Für christlichen Gottesstaat

Der heute etwa 50-jährige Joseph Kony geht 1986 in den Untergrund, nachdem der heutige Präsident Yoweri Museveni den Bürgerkrieg in Uganda gewonnen hat. Kony gehört dem Volk der Acholi im Norden des Landes an, das mit dem alten Regime verbündet war. Von Beginn an zeigt er Züge von Grössenwahn: Er behauptet, im Auftrag Gottes zu handeln und in Uganda einen christlichen Gottesstaat auf Basis der Zehn Gebote errichten zu wollen. Dass seine Methoden sich jenseits von allem bewegen, was das Christentum predigt, kümmert seine Anhänger offensichtlich nicht, sie bescheinigen ihm übersinnliche Kräfte.

Die ugandische Armee kämpft seit einem Vierteljahrhundert erfolglos gegen die LRA. Dabei geht sie ebenfalls nicht zimperlich vor. Hunderttausende werden vertrieben und in «Dörfer» umgesiedelt, die «faktisch Konzentrationslager waren», so das Magazin «Foreign Affairs» im letzten Herbst. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2005 ergibt, dass in der Acholi-Region rund 1000 Menschen pro Woche Opfer von Gewalt wurden. Von 2006 bis 2008 kommt es zu Friedensgesprächen, die Kony schliesslich ergebnislos platzen lässt.

Obama schickt Militärberater

Joseph Kony konnte sich seinen Verfolgern bislang stets entziehen, was den Mythos um seine Person noch verstärkte. Seine «Widerstandsarmee» operiert laut «Foreign Affairs» in einem Gebiet von der Grösse Frankreichs im Dreiländereck zwischen Uganda, der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan, das zu den unzugänglichsten Regionen der Welt zählt. Zeitweise erhielt sie von der – muslimischen – Regierung des Sudan Waffen und Geld, als Vergeltung dafür, dass die ugandische Regierung die Rebellen im Südsudan unterstützt hatte.

Im letzten Herbst entsandte US-Präsident Barack Obama rund hundert Militärberater nach Uganda. Sie sollen Spezialeinheiten ausbilden und bei Konys Ergreifung unterstützen. Über Obamas Motive wurde heftig spekuliert, denn die LRA war nie eine Gefahr für US-Interessen. Es gehe um kürzlich entdeckte Ölvorkommen in der Region, hiess es. Oder um eine Gegenleistung für Ugandas Hilfe im «Krieg gegen den Terror». Das ostafrikanische Land hat Soldaten nach Somalia in den Kampf gegen die islamistischen Shabaab-Milizen entsandt. Diese verübten im Gegenzug Terroranschläge in der ugandischen Hauptstadt Kampala.

Bislang hat der US-Einsatz nicht zum Erfolg geführt, obwohl Konys Truppe nur noch aus etwa 1000 Kämpfern bestehen soll. Doch selbst wenn der grausame Rebellenführer zur Strecke gebracht werde, könne es nicht zu einer dauerhaften Befriedung kommen, so lange das Grundproblem der Region, die mangelhafte Regierungsführung, nicht gelöst sei, glaubt «Foreign Affairs». Wenn Kony erwischt werde, würden sich seine Kämpfer einfach anderen Gruppen anschliessen oder unabhängig vorgehen. Ein Ende der Gräueltaten ist folglich nicht in Sicht. Daran kann auch eine virale Kampagne im Internet nichts ändern.

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