Aktionärsaufstand: Eine einzigartige Ohrfeige
Aktualisiert

AktionärsaufstandEine einzigartige Ohrfeige

Boris Collardis Bank Julius Bär ist nicht einmal ein Zehntel so gross wie die CS. Trotzdem verdient Collardi fast gleich viel wie der Chef der Grossbank. Zu viel, sagen die Bär-Aktionäre.

von
Lukas Hässig
Die Bär-Aktionäre entzauberten mit einem Schlag den Shootingstar von Swiss Banking, Boris Collardi.

Die Bär-Aktionäre entzauberten mit einem Schlag den Shootingstar von Swiss Banking, Boris Collardi.

Boris Collardi ist 38. In diesem Alter beginnen normalerweise Karrieren. Bei Collardi geht alles schneller. Er ist schon seit Jahren Chef der Privatbank Julius Bär. Und in dieser Funktion gehört er zu den bestbezahlten Banker des Landes. Nur die beiden Grossenbankenchefs kriegten zuletzt mehr.

Doch nun hat sich Collardi verschätzt. Am Mittwochvormittag erteilten ihm die Bär-Aktionäre eine schallende Ohrfeige. Seine fast 7 Millionen, davon rund 1 Million Erfolgsprämie für eine Übernahme, die noch gar nicht über die Bühne ist, brachten das Fass zum Überlaufen. Nein zum Vergütungsbericht, stimmte eine Mehrheit – ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte einer grossen Schweizer Bank.

Fehleinschätzung

Schlimmer als die Niederlage vor den Eigentümern ist die Fehleinschätzung der Lage. Boris Collardi und sein Präsident Daniel Sauter, der ebenfalls eine stolze Summe für letztes Jahr einheimste, rechneten nicht mit dem Widerstand gegen die hohen Salär- und Bonuspakete bei Bär. Als sie die Abfuhr kommen sahen, war es für eine Umkehr zu spät.

Schlechtes Urteilsvermögen sollte in zentralen Fragen wie Bonus nicht vorkommen. Die Lage im Aktionariat sollte im Vorfeld richtig eingeschätzt werden. Wer das nicht kann, liefert Angriffsfläche. Die Folgen können gravierend sein. Als in jüngerer Zeit in England Chefs mit ihren Bonuspaketen vor den Eigentümern abblitzten, räumten die betroffenen CEOs ihre Büros.

Überforderte Bank

Nun macht Bär auf Schadensbegrenzung. In ihrer Mitteilung von heute wird zuerst ausgeführt, welche Traktanden die Unterstützung der Aktionäre gefunden hätten. Erst danach folgt der Passus mit der peinlichen Niederlage bei den Vergütungen. Wie klar das Verdikt ausgefallen ist, steht dort nicht. Vielleicht, weil das Ausmass an Deutlichkeit kaum zu übertreffen ist. 64 Prozent sagten Njet.

Bär-Sprecher Jan Vonder Mühll versucht die Wogen zu glätten. «Die Kritik der Angelsachsen-Aktionäre, die bei Bär eine Mehrheit haben, richtet sich nicht gegen die Höhe der Boni, sondern gegen die fehlende Methodik». In den Augen der Grossaktionäre zeige der Vergütungsbericht nicht klar auf, aufgrund welcher Leistungen das Management der Bank belohnt würde. Der Sonderbonus für die laufende Integration von Merrill Lynch International sei ebenfalls zu wenig nachvollziehbar, gibt der Bär-Sprecher die Gründe der Kritiker wider. «Wir nehmen das entgegen und werden in einem Jahr mit Anpassungen kommen», verspricht er.

Die Lage falsch eingeschätzt, mit wehenden Fahnen in die Niederlage, noch keine konkreten Antworten zur Zukunft – die Bank Bär und ihre Führung haben den grossen Krisentest nicht bestanden. Das verspricht nichts Gutes für die Zukunft. Bär-Chef Collardi und Bär-Präsident Sauter haben letztes Jahr die grösste Akquisition in der Geschichte der Zürcher Privatbank beschlossen. Sie kauften die Vermögensverwaltung von Merrill Lynch (ohne US-Business) und integrieren dieses zurzeit in die bestehende Organisation. Ein mutiges Unterfangen mit grossen Risiken: die Amerikaner-Kultur kann Überhand nehmen, die Abläufe können zu komplex werden, die internen Machkämpfe können eskalieren, Kunden sich abwenden.

Ikarus Collardi ist abgestürzt

Ob Collardi und seine Julius Bär in ein paar Jahren als neuer Fixstern im globalen Private Banking leuchten werden oder ob eine weitere Schweizer Bank vom Kurs abkommt, gilt es abzuwarten. Trotzdem applaudieren die meisten Medien. Die Schweizer «Bilanz» kürte Bär-Chef Collardi letzten Herbst zum drittwichtigsten Banker des Landes. «Auch wenn der Deal kritisiert wurde und die Integration für ihn zur Herkulesaufgabe werden dürfte, sticht sein Zukunftsvertrauen doch heraus», begründete das Wirtschaftsmagazin seine Wahl.

Am wahrscheinlichsten ist, dass Collardi & Co. gute Miene zum bösen Spiel machen und ihre Bezüge reduzieren werden, auch wenn es offiziell nur um mangelnde Erklärungen gehen soll. Wir haben zugehört und verstanden, wird es dannzumal wohl heissen. Damit ist die Sache nicht gegessen. Collardi hat seinen Nimbus verloren. Der Ikarus von Swiss Banking, den scheinbar nichts und niemand stoppen konnte, ist abrupt abgestürzt. Das Problem solcher Niederlagen ist die Symbolik. Aufsteiger Collardi steht plötzlich als überbezahlter Überflieger am öffentlichen Pranger.

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