Auseinandersetzungen in Israel: «Eine Eskalation und eine dritte Intifada sind nicht auszuschliessen»
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Auseinandersetzungen in Israel
«Eine Eskalation und eine dritte Intifada sind nicht auszuschliessen»

Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Sicherheitskräften wurden am Karfreitag in Jerusalem rund 150 Menschen verletzt. Nahost-Experte Reinhard Schulze ordnet ein.

von
Michelle Muff
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Am Karfreitag kam es auf dem Tempelberg bei der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Sicherheitskräften.  

Am Karfreitag kam es auf dem Tempelberg bei der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Sicherheitskräften.  

AFP
Rund 150 Personen wurden nach Angaben des palästinensischen Rettungsdienstes Roter Halbmond verletzt. 

Rund 150 Personen wurden nach Angaben des palästinensischen Rettungsdienstes Roter Halbmond verletzt. 

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Der Auseinandersetzung auf dem Tempelberg gingen in den vergangenen Wochen mehrere Terroranschläge voraus: Am 7. April starben bei einem Anschlag im Zentrum von Tel Aviv mindestens zwei Menschen.

Der Auseinandersetzung auf dem Tempelberg gingen in den vergangenen Wochen mehrere Terroranschläge voraus: Am 7. April starben bei einem Anschlag im Zentrum von Tel Aviv mindestens zwei Menschen.

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Darum gehts

Die Lage in Israel hat sich in den vergangenen Tagen zugespitzt: Am Freitagmorgen eskalierte ein Zusammenstoss zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften auf dem Tempelberg bei der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem und gipfelte in einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Laut dem palästinensischen Rettungsdienst Roter Halbmond wurden rund 150 Palästinenser verletzt, nachdem israelische Sicherheitskräfte Tränengas eingesetzt hatten, wie die «Jerusalem Post» berichtete. Nach Angaben der Polizei hätten einige Randalierer Steine geworfen und Feuerwerkskörper abgefeuert.

Der Auseinandersetzung auf dem Tempelberg gingen in den vergangenen Wochen mehrere Terroranschläge voraus: Am 7. April starben bei einem Anschlag im Zentrum von Tel Aviv mindestens zwei Menschen. Angreifer war ein palästinensischer Einzeltäter. Zuvor wurden bei einer Anschlagsserie innerhalb weniger Tage elf Menschen getötet. Bei zwei der drei Attentate waren die Angreifer israelische Araber mit Verbindungen zum IS.

Nahost-Experte Reinhard Schulze ordnet die momentane Lage in Israel ein und erklärt, wieso der Konflikt gerade jetzt wieder in den Fokus gerät.

Herr Schulze, was sind die Hintergründe der jetzigen Auseinandersetzungen in Israel?
Es kommen drei Faktoren zusammen: erstens die verschärften Sicherheitsmassnahmen der israelischen Polizei und Armee wegen der vier Terroranschläge der vergangenen Wochen in Israel. Zweitens die damit verbundenen Razzien der israelischen Armee im Norden der Westbank, bei denen Hunderte von Palästinensern inhaftiert und 20 Palästinenser getötet wurden. Und drittens der Aufruf von Hozrim LaHar, einer der radikalsten jüdischen Tempelberg-Gruppen, die entgegen dem polizeilichen Verbot appellierte, ein Osteropfer auf dem Tempelberg zu bringen.

Wieso kommt es gerade jetzt zu diesem Konflikt?
Die Spannungen wachsen in Jerusalem und der Westbank aufgrund politisch-religiöser Mobilisation, da die jüdischen, muslimischen und christlichen Feste – Pessach, Ramadan, Karfreitag und Ostern – auf das gleiche Datum zusammenfallen. Das bewirkt eine starke religiöse Mobilisation, Kristallisationspunkte sind dabei Jerusalem und der Tempelberg.

Inwiefern erinnern die jetzigen Ereignisse an die Auseinandersetzung im vergangenen Mai 2021 in Sheikh Jarrah (siehe Box)?
Auch im Mai 2021 standen die Auseinandersetzungen um den Tempelberg im Mittelpunkt, jedoch ging es damals vor allem auch darum, die drohende Zwangsräumung in Ostjerusalem zu verhindern.

Die Auseinandersetzung im Mai 2021

Wieso kam es in den vergangenen Wochen in Israel vermehrt zu Attentaten?
Zum einen verüben sogenannte einsame Wölfe diese Mordtaten als Ausdruck einer tiefsitzenden radikalen Vergeltungsreligiosität. Zum anderen scheint es auch eine Verabredung von einzelnen Personen oder Kleinstgruppen mit ultranationalistischen Gesinnungen zu geben, Terrortaten gegen die Zivilbevölkerung auszuüben. Ausserdem gibt es Anzeichen, dass bei einem der Anschläge auch palästinensische Bünde wie Hamas involviert waren.

Erst kürzlich bezeichnete Amnesty International Israel als Apartheidsstaat – was wurde dadurch in Israel ausgelöst?
Es hat in Israel die innenpolitische Sensibilität bezüglich der ungelösten Palästina-Frage geschärft. In der Öffentlichkeit wird zunehmend die Forderung nach einer konstruktiven Palästina-Politik erhoben, die auch die wirtschaftliche und rechtliche Situation der Palästinenser in den Blick nimmt. Zum anderen aber radikalisieren sich sowohl auf israelischer wie auf palästinensischer Seite rechtsradikale Ultranationalisten, die sich gegenseitig als prinzipielle Gegner sehen und die jegliche konstruktive Politik ablehnen.

Wie wird es nun weitergehen: Droht die komplette Eskalation?
Im Mai 2021 führte der Konflikt zu einem elftägigen Krieg zwischen der israelischen Armee und den Kampfgruppen von Hamas. Auch heute ist eine solche Eskalation nicht auszuschliessen: Manche befürchten in Israel und Palästina den Ausbruch einer dritten Intifada – einen Aufstand gegen die israelische Besatzung – mit unabsehbaren Folgen.

Was könnte nun die Lage entschärfen?
Eine Deeskalation setzt voraus, dass die Politik sowohl in Israel wie in Palästina einen gesellschaftlichen Frieden als gemeinsames politisches Ziel definiert. Anders ausgedrückt: Beide Seiten müssen anerkennen, dass nur über eine Demilitarisierung des Konfliktes und die gegenseitige Anerkennung gesellschaftlicher und politischer Souveränität Verhandlungen für ein friedliches politisches, soziales und kulturelles Zusammenleben möglich sind.

Polizei dringt zur Al-Aksa-Moschee vor

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