Holaspis guentheri: Eine fliegende Echse
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Holaspis guentheriEine fliegende Echse

Im afrikanischen Regenwald lebt eine kleine, neonblau gestreifte Eidechse, die so leicht ist, dass sie wie eine Feder gleiten kann. Dazu benutzt das kleine Tier nicht etwa eine gleitschirmartige Haut, wie es Gleithörnchen tun.

Während viele Eidechsen ein Leben auf der Erde bevorzugen, ist Holaspis guentheri, so der offizielle Name des zu den Sägeschwanz-Eidechsen gehörenden Reptils, auf den Bäumen des afrikanischen Regenwaldes zu Hause. In diesem Lebensraum ist es sinnvoll, wenn ein Tier den Gleitflug beherrscht – zum einen, weil es sich dann bei Stürzen oder Sprüngen aus den Bäumen nicht verletzt, und zum anderen, weil es besser vor Feinden fliehen oder aber Beutetiere verfolgen kann. Tatsächlich gibt es Berichte darüber, dass H. guentheri von Baum zu Baum gleiten kann. Sie sind allerdings nicht unumstritten, da der Körperbau des Tierchens keine der Besonderheiten aufweist, die gleitfähige Tiere sonst zeigen, wie etwa Häute zwischen Fingern und Zehen oder ausklappbare Hautfalten, die die Körperoberfläche vergrössern.

Um zu klären, ob und wenn ja, wie H. guentheri gleitet, liessen Bieke Vanhooydonck und ihre Kollegen drei Schuppenkriechtiere von einer zwei Meter hohen Plattform springen: Faltengeckos, die wie der Name schon sagt Hautfalten am Körper haben und gute Gleitflieger sind, die Sägeschwanz-Eidechsen H. guentheri und die eng verwandten Mauereidechsen. Alle wurden gefilmt, gewogen, vermessen und verglichen. Resultat: H. guentheri kann nicht so gut gleiten wie der Gecko, schafft aber 20 Zentimeter mehr Strecke, als wenn sie einfach fallen würde.

Der kleine Baumbewohner scheint im Gegensatz zum Gecko allerdings seine Körperoberfläche nicht zu vergrössern. Trotzdem ist das Verhältnis von Masse zu Oberfläche bei beiden Tieren nahezu gleich – auch wenn beide auf unterschiedliche Strategien setzen, um dieses Verhältnis zu erreichen: Der Faltengecko macht sich mit klappt seine Hautfalten aus, so dass seine Oberfläche grösser wird, und H. guentheri hat im Lauf der Evolution sein Körpergewicht extrem verringert. Beides scheint in der jeweiligen Heimat der Tiere die günstigere Taktik zu sein, so die Forscher: Im asiatischen Regenwald gibt es hohe Bäume und wenige Schlingpflanzen, so dass der Gecko von möglichst langen Gleitflügen von Baum zu Baum profitiert. H. guentheri lebt dagegen im afrikanischen Wald, in dem die Bäume durch Lianen und Ähnliches verbunden und grosse Sprünge nicht nötig sind.

Ilka Lehnen-Beyel, wissenschaft.de

Forschung um Bieke Vanhooydonck von der Universität Antwerpen publiziert im Fachmagazin «Journal of Experimental Biology» (Bd. 212, S. 2475).

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