Pferdejagd: Eine Frau, mit der man Pferde fangen kann
Aktualisiert

PferdejagdEine Frau, mit der man Pferde fangen kann

Mit ihrem BMW fing sie gestern ein verängstigtes Pferd auf der Autobahn ein. Heute blickt Nina Winiger zurück. Sie will das Pferd notfalls nochmals retten – vor dem Schlachthof.

von
Joel Bedetti
Gerettet: Nina Winiger beruhigt das Pferd.

Gerettet: Nina Winiger beruhigt das Pferd.

20 Minuten Online: Frau Winiger, sie fuhren gestern friedlich auf der Autobahn von einer Kundin in Schuls nach Maienfeld…

Nina Winiger: …da sah ich plötzlich dieses Pferd auf dem Pannenstreifen galoppieren. Es schleifte das Geschirr hinter sich her und machte einen völlig verängstigten Eindruck. Ich fürchtete, dass es nach links ausbrechen und auf die Gegenfahrbahn gelangen würde. Das hätte schrecklich geendet.

Wie reagierten Sie?

Ich versuchte, vor das Pferd zu fahren, um es abzubremsen. Aber die anderen Autofahrer liessen mich erst nicht überholen. Die waren alle damit beschäftigt, das Pferd zu filmen, anstatt ihm zu helfen. Das war schrecklich. Beim ersten Überholmanöver wich das Pferd aus, das Geschirr streifte mein Auto. Erst beim zweiten Anlauf klappte es. Ich konnte das Pferd schrittweise abbremsen.

Half Ihnen jemand?

Ja, ein weiterer Autofahrer fuhr links neben dem Pferd und schaute, dass es nicht auf die Fahrbahn einschwenkte. Als das Pferd dann stillstand, hielten auch wir an. Ich stieg aus und näherte mich dem Pferd.

Hatten Sie Angst?

Ja, weil ich im vierten Monat schwanger bin. Ich wusste nicht, ob das Pferd ausschlagen würde, es war natürlich verängstigt. Aber ich redete ihm zu und streckte ihm meine Hand hin. Das Pferd fasste schnell Vertrauen.

Was tat der andere Mann?

Erst fragte er mich, ob er helfen könne. Ich sagte ihm, er solle der Polizei melden, wo genau wir uns befänden. Dann holte er Gras von der Wiese nebenan, des wir dem Pferd gaben, um es abzulenken. In diesem Moment war ich total happy.

Wie lange blieben Sie beim Pferd?

Eine Stunde, dann kam der Besitzer. Ich sagte ihm, falls er das Pferd je in ein Schlachthaus bringen wolle, solle er mich erst anrufen. Er lachte und versprach das zu tun. Falls er das tut, würde ich ihm das Pferd abkaufen. Das meine ich ernst! Das war eine schicksalhafte Begegnung.

Haben Sie eine spezielle Beziehung zu Pferden?

Als ich jung war, ging ich jeden Tag zu einem Pferdebauern und half ihm. Im Gegenzug durfte ich ausreiten. Heute habe ich dazu keine Zeit mehr.

Sind Sie jetzt wieder beruhigt?

Jetzt ja. In der Nacht konnte ich aber kein Auge schliessen. Ich musste immer daran denken, wie es dem Pferd jetzt wohl gehe. Als ich es sah, wie es verängstigt auf der Autobahn galoppierte, mit Blut an der Schnauze – das hat mir das Herz gebrochen. Und ich fand es schlimm, wie das die anderen Leute in den Autos kalt liess. Ich finde es peinlich, dass ich als Schwangere und 50 Kilogramm schwere Frau schliesslich diese Aktion starten musste.

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