Rolling Stones live: Eine gut geölte Rockmaschine

Aktualisiert

Rolling Stones liveEine gut geölte Rockmaschine

Für die einen sind sie die grösste Rockband aller Zeiten, andere nennen sie Rock-Opas. Im Zürcher Letzigrund bewiesen die Stones jedoch, dass ihre Musik zeitlos ist.

von
Neil Werndli

Als Mittzwanziger ein Rolling-Stones-Konzert zu sehen, ist, als würde man seinem Grossvater zuhören, wie er abenteuerliche Geschichten von früher erzählt. Nur dass man den coolsten Opa der Welt hat.

Begleitet von Pyros stürmte Keith Richards am Sonntagabend die Bühne, wie gewohnt im Paradiesvogel-Look. Mick Jagger folgte kurz darauf mit seiner Glitzer-Jacke – nur eines von etwa einem halben Dutzend Outfits, die der Sänger während der Show trug.

Das Kreischen von drei Generationen

Mit einem breiten «Grüezi Züri» begrüsste Mick Jagger das Stadion. Es war nicht sein letzter Versuch mit Schweizerdeutsch: «Gwünnt d'Schwiiz s'Final gegä England?», fragte er später mit Blick auf die bevorstehende WM.

Ohne Umwege stürzten sich die Stones in ein hitgetränktes Set: «Satisfaction», «Gimme Shelter», «Let's Spend The Night Together» – das Publikum bekam, was es wollte. Klar, Jaggers Moves haben sich etwas verlangsamt aber seinen Markenzeichen-Gang hat er nicht verlernt. Der gute Mann legte bei der Show im Zürcher Letzigrund mehrere Kilometer auf der Bühne zurück. Und wenn er sein Mikrofon in die Hose steckt, um das Publikum zum Klatschen zu animieren, kreischen immer noch Zehntausende dem Vorzeige-Frontmann zu.

«Für die Rolling Stones würde ich sterben», sagt Ami vor dem Konzert. Die Stones-Fantreue geht tief. (Video: Ruben Assenberg)

Falten tief wie Schluchten

Keith Richards strahlte auch heute noch wie in seinen besten Jahren, wenn er in die Gitarre hauen darf, und die Rhythmussektion drehte dermassen auf, dass das ganze Letzigrund unter den stampfenden Beats bebte. Da quietschte rein gar nichts – die Rolling Stones sind eine gut geölte Rockmaschine.

Die Bühne, die zum ersten Mal bei der «14 On Fire»-Tour zum Einsatz kam, war simpel und trotzdem beeindruckend: Umrahmt von einer leuchtenden Metallkonstruktion sorgten drei riesige Screens dafür, dass Gross und Klein die Stones gut sehen konnten. Vielleicht zu gut – die Falten im Gesicht eines Keith Richards wirkten auf den Bildschirmen wie tiefe Schluchten, die der Rock'n'Roll in sein Gesicht gefressen hat. Bei anderen Songs zeigten die Screens wiederum Animationen. Als visuelles Highlight zündeten die Stones während der Zugabe dann noch ein ganzes Feuerwerk über dem Stadion.

«Gut, dass wir noch hier sind»

Während ein Teil des Publikums wohl selber noch im Teenie-Alter war, als die Stones aufkamen, liessen sich auch jüngere Jahrgänge das Spektakel nicht entgehen. Im Letzigrund traf sich ein spannender Mix verschiedener Generationen – sobald sie tanzten gab es aber keinen Unterschied mehr zwischen Jung und Alt. Und mittendrin: Mick Jagger, der Pirouetten drehte, die Hüften schwang und wie ein stolzes Raubtier über seinen Laufsteg schritt.

Bei Hälfte des Konzertes überliess er das Mikrofon dann für zwei Songs seinem Kollegen Keith Richards. «Guten Abend», rief der der Menge zu. «Es ist ein guter Abend – wir sind schliesslich noch hier», so Richards selbstironisch. Auch Ex-Gitarrist Mick Taylor durfte für einige Songs mit auf die Bühne, wirkte allerdings etwas verloren unter seinen ehemaligen Bandkollegen. Taylor war allerdings schon immer mehr Techniker denn Showman gewesen.

Ein wertvolles Relikt

Für Schweizer Fans war es die erste Gelegenheit, ihre Helden live zu sehen seit ihrem Auftritt in Lausanne vor sieben Jahren. Allzu viel hat sich seither nicht getan – das soll es aber auch nicht. Wer käme auf die Idee, eine Rockformation, die seit einem halben Jahrhundert zu den grössten ihrer Art zählt, auf neue Wege führen zu wollen?

Die Stones wollen und sollen sich nicht weiterentwickeln, sondern weiterhin die alten Geschichten erzählen – in Erinnerungen schwelgen und längst vergessene Werte zelebrieren. Und wenn sie wirklich nur noch ein Relikt sind, so doch ein wertvolles: Die jungen Wilden können nämlich immer noch viel von Mick Jagger und Co. lernen.

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