Aktualisiert 26.11.2011 22:03

Castor-Protest

Eine japanische Familie in Gorleben

Der elfährige Kaito und die neunjährige Fuu aus Fukushima demonstrieren zusammen mit ihrer Mutter gegen den Castor-Transport in Deutschland. Sie sind beeindruckt vom Kampf gegen die Atomenergie.

Kaito, Fuu und ihre Mutter Kanako (von links) kämpfen seit der Reaktorkatastrophe in ihrer Heimatstadt Fukushima gegen die Kernenergie.

Kaito, Fuu und ihre Mutter Kanako (von links) kämpfen seit der Reaktorkatastrophe in ihrer Heimatstadt Fukushima gegen die Kernenergie.

Mit grossen Augen bestaunen der elfährige Kaito und die neunjährige Fuu aus Japan die bunt verkleideten Atomkraftgegner in Dannenberg. Beide Kinder stammen aus der Stadt, die im März zum neuen Inbegriff für die Gefahr der Atomkraft wurde - Fukushima. Seit Freitag sind Kaito und Fuu zusammen mit ihrer Mutter Kanako Nishikata in Deutschland, um sich an den Protesten gegen den Castor-Transport zu beteiligen. Die Umweltorganisation Greenpeace hat sie für zehn Tage eingeladen.

«Ich bin sehr beeindruckt von dem konzentrierten Programm und dem Zusammenhalt der Demonstranten», erzählt die Mutter. Sie wünscht sich eine solch starke Protestbewegung gegen Atomkraft auch für ihr Heimatland. «Wir müssen darüber nachdenken, warum die Japaner das nicht tun. Ich glaube, die Menschen in Japan hätten auch die Kraft dazu», sagt sie.

Nach der Reaktor-Katastrophe in Fukushima mussten Nishikata und ihre Kinder die Stadt verlassen und leben seitdem woanders. «Kaito und Fuu vermissen ihre alten Freunde, ihre alte Schule und wünschen sich nichts mehr, als wieder nach Fukushima zurückzukehren», berichtet die Mutter. Doch die Kinder verstehen auch, dass der Atomunfall die Welt verändert hat. «Zurückzugehen würde bedeuten, krank zu werden, und das würde ihre Mutter traurig machen», fasst die 34-Jährige die Sicht ihrer Kinder auf ihr Schicksal zusammen.

Im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi hatten sich nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami am 11. März in Reaktorblöcken mehrere Explosionen ereignet, bei denen radioaktive Strahlung freigesetzt wurde und hunderte Quadratkilometer Landschaft in ein Niemandsland verwandelt wurden.

«Politiker waren nicht ehrlich zu uns»

Wie die Familie Nishikata mussten Zehntausende Menschen ihre Häuser verlassen. Radioaktives Cäsium aus dem havarierten Atomkraftwerk könnte die Nahrungsmittelproduktion in den östlichen Provinzen Japans noch mehrere Jahrzehnte lang unmöglich machen.

Kanako Nishikata ist seit der Katastrophe wütend und enttäuscht von der Regierung. «Der Unfall hat unser Leben komplett verändert. Unser normales Leben gibt es nicht mehr», erzählt sie. «Normalerweise sollte eine Regierung die Bevölkerung beschützen. Daran haben wir doch alle geglaubt. Aber die Politiker waren nicht ehrlich zu uns», sagt Nishikata.

Die Anwohner der Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk haben inzwischen grösstenteils resigniert: «Sie haben ihren Protest aufgegeben. Die Regierung tut nichts für sie und viele haben einfach kein Geld, um wegzuziehen.»

Die 34-jährige Mutter musste nach dem Umzug nach Yonezawa ihren Teilzeitjob bei einer Elektronikfirma aufgeben. Sie widmet sich nun dem Kampf gegen Atomkraft, ist zur Aktivistin geworden. «Ich bin nur eine Mutter», sagt sie. Die Sorge um ihre Kinder treibe sie zum Handeln an.

«Die Kinder sind die Opfer der Atomkatastrophe, die am schlimmsten betroffen sind», sagt Nishikata. Die Mutter hat begonnen, selbstgemalte Bilder und geschriebene Geschichten von Kindern zu sammeln, um diese später in einem Buch zu veröffentlichen. «Ich möchte Stimmen und Botschaften sammeln», sagt die Mutter. Ihr Projekt soll «sehr lange» dauern, um die Auswirkungen des Reaktorunglücks als «einen grossen Teil unserer Geschichte» darzustellen. Ihr grosser Traum: «Vom Erlös des Buch-Verkaufs ein Waisenhaus finanzieren.»

(dapd)

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