Pressestimmen: «Eine kalte Tee-Dusche»
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Pressestimmen«Eine kalte Tee-Dusche»

Viele internationale Medien werten das Resultat der Zwischenwahlen in den USA als «Klatsche für Obama». Doch von einem Triumph für die Opposition will keiner sprechen.

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pbl
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«Zum dritten Mal in Folge haben die Amerikaner einer Partei die Macht entzogen», stellt die «Washington Post» fest. Solche raschen Umschwünge seien relativ neu in der modernen US-Politik, so das Hauptstadt-Blatt. Das «Wall Street Journal» kennt die Gründe: Die unabhängigen, nicht parteigebundenen Wähler haben sich ebenso deutlich den Republikanern zugewandt, wie sie vor zwei Jahren Barack Obama unterstützt hatten.

Dieser «erstaunliche Umschwung» bedeutet für die Wirtschaftszeitung aber auch, dass es «keine Garantie» gebe, dass die Unabhängigen den Republikanern treu bleiben werden. Die Wahl vom Dienstag scheine «mehr ein Protest gegen das zu sein, was Washington getan hat, als ein Mandat für einen Kurswechsel», so das «Wall Street Journal».

Obama muss sich «neu ausrichten»

Die meisten Kommentare konzentrieren sich auf die Folgen für Barack Obama: Er müsse sich «neu ausrichten», denn seine Präsidentschaft stehe auf dem Spiel, mahnt die «New York Times». Mit einem feindlich gesinnten Repräsentantenhaus und einer geschrumpften Mehrheit im Senat müsse er «die richtige Mischung aus Kompromiss und Konfrontation finden, um seine Autorität zu wahren und eine Niederlage 2012 zu vermeiden».

Für die britische BBC verlief Obamas Absturz «hart und schnell». Der Präsident habe vielleicht, «wie viele von uns», die wahre Bedeutung seines Erfolgs vor zwei Jahren überinterpretiert. Nun hänge alles davon ab, wie der Präsident mit der neuen Lage umgehen könne, schreibt der Kommentator des Londoner «Guardian». Nun sei nicht nur Zen-Gelassenheit gefragt, sondern Rafinesse, eine verbesserte Wirtschaftslage «und eine grosse Portion Glück».

«Partei mit zu starkem Teegeschmack»

Auch in Deutschland berichten die grossen Medien breit und prominent über die Midterm Elections. Die «Wahlen zur Halbzeit der ersten und möglicherweise letzten Obama-Legislatur» («Die Welt») seien für den amtierenden US-Präsidenten im besten Fall ein «Denkzettel», im schlechtesten ein «Desaster» («Süddeutsche Zeitung»). Auf jeden Fall - darin sind sich alle Kommentatoren einig - ist das gute Abschneiden der Republikaner im Repräsentantenhaus die Folge der schlechten Wirtschafts- und Arbeitslosenzahlen, für die die Regierung Obama direkt - wenn auch zu Unrecht - verantwortlich gemacht wurde.

Es war eine «Wahl der Wut», fast der «Spiegel» zusammen, die von der Tea Party vorangetrieben wurde. Die konservative Speerspitze der Republikaner müsse jetzt aber zeigen, dass sie nicht nur siegen könne, sondern auch Verantwortung übernehmen. «Wut kann Wahlen gewinnen. Regieren lässt sich damit aber nicht», schreibt der «Spiegel». «Die Welt» ist skeptisch, dass dies gelingen könnte, denn eine «republikanische Partei mit zu starkem Teegeschmack» sei für viele gemässigte Wähler auf Dauer nicht wählbar.

Der gleiche Tenor herrscht in Frankreich vor. Die Online-Dienste der grossen überregionalen Tageszeitungen «Le Monde» und «Le Figaro» kommentieren die US-Wahlen als Schlappe für den Präsidenten. Die linksliberale «Libération» geht noch weiter: Für Obama sei besonders bitter, dass sein eigener ehemaliger Senatssitz in Illinois an einen Republikaner ging und dass der Senat in Zukunft keinen einzigen schwarzen Abgeordneten mehr zähle.

«Strafzettel für Obama»

«Eine Schlappe für Obama» und «Tea Time im US-Repräsentantenhaus»: Das sind zwei Schlagzeilen aus den renommiertesten Medien in Lateinamerika. Die argentinische Tageszeitung «Pagina 12» beschreibt den Sieg der erzkonservativen Tea-Party-Bewegung im Abgeordnetenhaus sogar als «eine kalte Tee-Dusche».

Spanische Medien hingegen machen vor allem auf den Sieg eines Latinos im US-Bundesstaat Florida aufmerksam: Der kubanisch-stämmige Politiker Marco Rubio gewann einen Sitz im US-Senat. «El Mundo» titelt dazu: «Marco Rubio macht Kubaner stolz». «El País» berichtet über den «Strafzettel für Obama». Der US-Präsident sei nun gezwungen, sich «neu zu erfinden».

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