Aktualisiert 19.08.2009 08:58

Der Traum von PaschtunistanEine krickelige Linie sorgt für Zündstoff

Die erste Frage bei einer Wahlkampfdiskussion kürzlich in Kabul galt nicht Terror und Gewalt, auch nicht der Opiumproduktion. Vielmehr ging es darum, wie die Kandidaten zu der krickeligen Linie stehen, die von den britischen Kolonialherren vor 116 Jahren lässig auf die Landkarte geworfen wurde.

von
Kathy Gannon/AP

Für den Westen ist dies die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan, die zu seinem Leidwesen keine der beiden Seiten zu bewachen willens und in der Lage ist. Für viele Paschtunen aber, den grössten Volksstamm der Region, teilt sie ihr angestammtes Siedlungsgebiet und ist nicht weniger willkürlich als einst die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland.

Der Traum von einem geeinten «Paschtunistan» spielt bei den bevorstehenden Wahlen wie auch bei den Kämpfen sowohl in Afghanistan wie in Pakistan in vielerlei Hinsicht eine Rolle. Nicht nur die - überwiegend paschtunischen - Taliban, auch viele friedfertige Stammesangehörige hängen ihm an. Der Traum wird umso mächtiger, je stärker ihre Unzufriedenheit beiderseits der Grenze wächst.

«Opfer der Umstände»

Eine hohe Wahlbeteiligung der Paschtunen am 20. August käme dem jetzigen Präsidenten Hamid Karsai zugute, einem aus ihren Reihen. Sorgen Terror oder Einschüchterung durch die Taliban für eine geringe Beteiligung, hätte sein schärfster Rivale Abdullah Abdullah bessere Chancen. Der frühere Aussenminister ist zwar halber Paschtune, wird aber den Tadschiken zugerechnet. Manche Beobachter sorgen sich, dass die Paschtunen einen Sieg Abdullahs nicht anerkennen würden.

«Die Paschtunen sind für die Wahl in Afghanistan entscheidend», findet Hassan Abbas, Politikwissenschaftler in Harvard. «Paschtunen bilden den Kern des Aufstands in Pakistan und Afghanistan, weil sie in den vergangenen drei Jahrzehnten von regionalen wie internationalen Mächten benutzt und missbraucht wurden. Ihr gesellschaftlicher Zusammenhalt ist zerrissen und ihr Stammesethos durch den Aufstieg religiöser Fanatiker ernstlich belastet. Die Paschtunen von heute sind ein Opfer der Umstände.»

Talib mit Wahlausweis

Sie zählen rund 45 Millionen Menschen und machen in Afghanistan 42 Prozent, in Pakistan 15 Prozent der Bevölkerung aus. «Paschtunen beiderseits der Grenze glauben, dass die ganze Welt gegen sie ist», erklärt Moabullah. Lachend zeigt er seinen Wahlausweis: Daraus ist zu entnehmen, wie er aussieht, woher er kommt - aber nicht, dass er ein Talib ist. Die Karte hat er noch von der Wahl 2004. Diesmal geht er nicht wählen. Diesmal benutzt er den Ausweis, um durch die Kontrollen zu schlüpfen.

Unter der Taliban-Herrschaft war er kein begeisterter Kämpfer, wie er sagt, versteckte sich oft, um nicht an die Front geschickt zu werden. Nach ihrem Sturz fühlte er sich von den Siegern der zumeist aus Tadschiken und Usbeken bestehenden Nordallianz drangsaliert und ging in den Iran. 2007 kehrte er zurück, zu den Taliban. «Die Menschen haben gelitten. Paschtunen hatten ein hartes Leben», sagt er. «Wir sind ein Stamm in Pakistan und Afghanistan. Es gibt keinen Unterschied. Wir haben die gleiche Kultur, den gleichen Turban, die gleiche Sprache. Unsere Leute kommen und gehen. Paschtunen auf beiden Seiten der Grenze müssen den Taliban helfen.»

In Pakistan wehren sie sich noch immer gegen das 2003 begonnene Vordringen der Streitkräfte in ihre Stammesgebiete. Bis heute herrscht kein Frieden. Unter der Flagge der Scharia versuchen die Radikalislamisten, sich in der vernachlässigten Grenzregion als Alternative zu einem schwachen Staat zu profilieren.

Frust und Stolz

Dabei bauen sie nicht nur auf die Enttäuschung der Menschen, sondern auch auf einen starken Nationalstolz. Anfang des 18. Jahrhunderts entstand Afghanistan als paschtunische Nation, die bis tief ins heutige Pakistan reichte. Heute fühlen sich die Paschtunen als Bürger zweiter Klasse und trauern goldenen Zeiten nach. Ihr Siedlungsgebiet wird geteilt durch die Durand-Linie: Diese nach dem britischen Kolonialbeamten Sir Mortimer Durand benannte Demarkationslinie grenzte 1893 das damalige Britisch-Indien von Afghanistan ab. Der entsprechende Vertrag lief nach 100 Jahren 1993 ab, ohne dass weitere Entscheidungen getroffen wurden.

Pakistan würde gerne einen Grenzzaun ziehen, um den ungehinderten Grenzverkehr von Kämpfern und Nachschub zu unterbinden. Viele Paschtunen auf beiden Seiten finden allerdings, dass eine neue Grenzziehung ihre Stammesgebiete wieder gänzlich Afghanistan zuschlagen müsste. Nicht einmal die westlich orientierte afghanische Regierung akzeptiert die Durand-Linie und fordert, dass eine Grosse Ratsversammlung über den Grenzverlauf entscheiden müsse. Die Taliban haben das Problem für sich schon gelöst: Auf einer bunten Landkarte in einer Schule in Kandahar steht über der ganzen 2.430 Kilometer langen Grenze nur ein Wort - Paschtunistan.

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