Mein Beruf – Kassiererin: «Eine Kundin teilte ihren Lotto-Gewinn mit mir»
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Mein Beruf – Kassiererin«Eine Kundin teilte ihren Lotto-Gewinn mit mir»

Leserin Nihan Kolali erzählt von ihrem Job hinter der Migros-Kasse und den spannenden Alltäglichkeiten, die sie mit ihren Kunden teilt.

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Eigentlich widmet sich die 20-Minuten-Serie «Leser stellen sich vor» im Oktober und November Community-Mitgliedern mit ausgefallenen Berufen. Wir interviewten einen Busch-Piloten, einen Berufstaucher und einen Kaminfeger.

Doch dann schrieb uns Nihan Kolali: «Mein Job ist es, den ganzen Tag einige unfreundliche, ein paar überfreundliche, viele freundliche, wenige ganz komische Menschen und ein paar Cumuluspunkte-Fans zu bedienen. Ich arbeite an der Kasse in der Migros. Was ich da so Tag für Tag mitbekomme, ist spannend: Von der Liebesbekundung bis zum Streit ist alles dabei» – eigentlich ist es auch interessant über einen Beruf zu sprechen, der weniger ausgefallen, dafür umso vertrauter ist, dachten wir, und suchten mit Nihan das Gespräch.

Nihan Kolali, wieso haben Sie sich auf den 20-Minuten-Aufruf gemeldet?

Die meisten Menschen sehen uns fast täglich und wissen trotzdem nicht viel über unseren Job. Abgesehen davon möchte ich das typische Klischee, dass eine Kassiererin einen Schoggi-Job hat, mal schnell aus der Welt schaffen. Denn es ist wirklich nicht immer einfach.

Was muss man für ein Mensch sein, um hinter der Kasse gut klarzukommen?

An hektischen Tagen braucht man starke Nerven und man muss viel wegstecken können. Das hat mir am Anfang schwer zu schaffen gemacht. Zum Beispiel kam an einem Dienstag eine Kundin – Dienstag ist Aktionstag – und wollte von mir wissen, wieso das eine Katzenfutter nicht Aktion ist. Ich sagte ihr, dass ich es nicht wisse und bei der zuständigen Abteilung nachfragen würde. Prompt kam die Antwort: «Sie sind die dümmste Kassiererin, die ich je gesehen habe.» Wir haben einen riesigen Laden mit mehr als dreissig verschiedenen Sorten Katzenfutter, und die Aktionsangebote ändern sich ständig. Aber für einige Menschen sind wir einfach der Sündenbock. Ich wurde schon mal wegen des schlechten Wetters angemotzt. Aber solche Kunden gibt es zum Glück nur wenige.

Aber es gibt bestimmt auch schöne Situationen während der Arbeit?

Natürlich, davon gibt es viele. Zum Beispiel, wenn mich ein Kunde lobt oder wenn ich für meine Arbeit ein Schöggeli bekomme. Einmal hörte ich das Gespräch von zwei Kundinnen mit, die sich über den Lotto-Jackpot unterhielten. Natürlich habe ich meinen Senf dazugegeben und gesagt, falls sie gewinne, solle sie mir doch was davon abgeben. Eine Woche später sagte meine Chefin, eine Kundin habe im Lotto gewonnen und mir am Kundendienst etwas hinterlassen. Ich sah mich schon im Flugzeug in den Süden. Sie hatte tatsächlich gewonnen – zwanzig Franken. Davon hat sie mir zehn Franken geschenkt. Für die Ferien hat es nicht gereicht, aber ich habe mich riesig darüber gefreut. Diese Kundin wird immer etwas Spezielles bleiben.

Als Kassiererin bekommt man wohl so einige Gespräche mit?

Allerdings, wir sind beteiligte Unbeteiligte. Die meisten denken ja: Die Kassiererin tippt, die hört unsere Gespräche nicht. Falsch gedacht! (lacht)

Was meinten Sie mit Cumuluspunkte-Fans?

Das sind die Cumulus-Jäger. Wenn Sie das nicht kennen, gehen Sie mal in die Migros, wenn es die doppelte Anzahl Cumulus-Punkte gibt – da geht die Post ab! Das haut mich heute noch manchmal aus den Socken und bringt mich zum Grinsen. Man könnte meinen, an diesen Tagen sei das gesamte Sortiment gratis.

Können Sie sich an Ihren schlimmsten Moment hinter der Kasse erinnern?

Das war an Heiligabend 2013. Ein Mann kam zu mir an die Kasse. Als er bezahlte und ich ihm schöne Weihnachten wünschte, sind ihm plötzlich Tränen über die Wangen gelaufen. Er sagte zu mir: «Nach 48 Jahren mit meiner Frau feiere ich heute meine ersten Weihnachten alleine.» Das war für mich der traurigste Tag. Er tat mir unheimlich leid.

Gibt es etwas, das Sie Ihren Kunden gerne einmal sagen würden?

Vielen Dank für die freundlichen Grüezis, ein Lächeln kann Wunder wirken!

Leser stellen sich vor

Diese Serie dreht sich um das Wichtigste bei 20 Minuten: die Leserinnen und Leser. Jeden Mittwoch wird ein Mitglied der Community vorgestellt. Zu einem monatlich wechselnden Thema erzählen sie aus ihrem Leben. Im Oktober und November geht es um Menschen mit besonderen Berufen. Alle Interviews finden Sie hier>>

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