Szenarien zum Ukraine-Krieg – «Eine lange Belagerung kann für Russland nicht gut enden»

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Szenarien zum Ukraine-Krieg«Eine lange Belagerung kann für Russland nicht gut enden»

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine läuft nicht besonders. Was waren die gröbsten taktischen Fehler bislang und welche Szenarien sind denkbar? Interview mit Shashank Joshi, Sicherheitsanalyst des «Economist».

von
Ann Guenter
(aus Rzeszów, Polen)
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Surreal: Vor zwei Wochen flanierten die Kiewer und Kiewerinnen am Maidan, heute bauen sie auf dem Hauptplatz der Stadt Checkpoints auf und füllen Sandsäcke ab. 

Surreal: Vor zwei Wochen flanierten die Kiewer und Kiewerinnen am Maidan, heute bauen sie auf dem Hauptplatz der Stadt Checkpoints auf und füllen Sandsäcke ab. 

REUTERS
Seit Tagen mehren sich die Anzeichen dafür, dass eine Grossoffensive der russischen Armee auf Kiew vorbereitet wird. Satellitenbilder zeigten einen mehr als 65 Kilometer langen russischen Militärkonvoi in der Nähe von Kiew.

Seit Tagen mehren sich die Anzeichen dafür, dass eine Grossoffensive der russischen Armee auf Kiew vorbereitet wird. Satellitenbilder zeigten einen mehr als 65 Kilometer langen russischen Militärkonvoi in der Nähe von Kiew.

REUTERS
Der Militärkonvoi kommt nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums allerdings nicht voran. Er steht nach wie vor etwa 30 Kilometer vom Zentrum der ukrainischen Hauptstadt entfernt. Der Grund: ukrainischer Widerstand, Pannen und blockierte Strassen. 

Der Militärkonvoi kommt nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums allerdings nicht voran. Er steht nach wie vor etwa 30 Kilometer vom Zentrum der ukrainischen Hauptstadt entfernt. Der Grund: ukrainischer Widerstand, Pannen und blockierte Strassen. 

Maxar/Reuters

Darum gehts

Vor Kiew steht schon lange ein gigantischer russischer Militärkonvoi. Wieso zerstört die ukrainische Luftwaffe ihn nicht einfach? 

Shashank Joshi: Tatsächlich fliegen noch immer Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe und der Luftraum ist weiterhin umkämpft. Das heisst, dass das Flugabwehrsystem der Ukraine russische Jets noch daran hindern kann, frei umherzufliegen. Tatsache ist aber, dass Russland über eine sehr gute Luftverteidigung verfügt und rund um den Konvoi wahrscheinlich Einheiten der elektronischen Kampfführung einsetzt. Das macht einen ukrainischen Angriff auf den russischen Konvoi aus der Luft sehr riskant. Und wir dürfen nicht vergessen: Der Konvoi steht nahe der belarussischen Grenze. Hier stehen die S-400-Flugabwehrraketen, die dort Anfang Februar eingetroffen sind – sie garantieren den Schutz des Konvois aus der Luft über die Grenze hinaus. 

Was war Moskaus grösster taktischer Fehler bislang?

Die Ukraine überhaupt anzugreifen – und dazu unter der Annahme, einen schnellen Sieg davontragen zu können. Russland baute dafür zwar eine riesige Invasionsstreitmacht auf. Diese wurde aber nur in Päckchen eingesetzt: Sie griffen Städte an, ohne weiter unterstützt zu werden. Es kam zu wilden und waghalsigen Angriffen auf Flugplätze, die russischen Special Forces und Luftlandetruppen waren lediglich leicht bewaffnet, und sie wurden für Aufgaben eingesetzt, für die sie ungeeignet waren. Der Hauptfehler, der die bisherigen taktischen Fehler Russlands am besten auf den Punkt bringt: Es beging die Sünde des Hochmuts und übersteigerten Selbstbewusstseins. Man nahm an, die Ukraine würde beim Angriff einfach kollabieren. 

Moskau will in Kiew wieder eine pro-russische Regierung einsetzen gegen den Willen der ukrainischen Bevölkerung. Wie soll das funktionieren? 

Ich denke, das war ein Versagen der russischen Geheimdienste. Sie berichteten Wladimir Putin, dass die Ukraine ein «künstlicher Staat» ist, in dem ein hoher Grad an Unzufriedenheit unter der Bevölkerung herrscht. Dass die Menschen mit der eigenen Regierung nicht zufrieden sind, diese auch nicht den Willen der Bevölkerung repräsentiert. Und dass es eine starke pro-russische Minderheit im Land gibt, die sofort einen Aufstand anzetteln und die einfallenden russischen Truppen sofort unterstützen würde. Der russische Nachrichtendienst war die letzten sechs Monate über sehr aktiv in der Ukraine und sah etwa vor, den ehemaligen und Russland-freundlichen Präsidenten der Ukraine, Wiktor Janukowitsch, wieder einzusetzen. Aber die Geheimdienste sassen einer Illusion auf und leiteten Dinge ab, die auf Fehleinschätzungen basierten. Man kann es ganz gut mit den falschen Einschätzungen der westlichen Geheimdienste in Afghanistan im letzten Jahr vergleichen, die den raschen Vormarsch der Taliban nicht hatten kommen sehen. 

Was war der bisher grösste Fehler der Ukraine?

Wahrscheinlich, dass man sich für die Gefahr einer breit angelegten russischen Invasion nicht frühzeitig gewappnet und so die Städte nicht auf einen Verteidigungs- oder Belagerungskrieg vorbereitet hat. Sie hätten früh die nötige Infrastruktur schaffen und die Zivilisten psychologisch vorbereiten können, Lager für Lebensmittel und Anti-Panzer-Barrikaden bauen oder Bunker funktionstüchtig machen können. Auch die Gesamtmobilisierung wurde erst einen Tag vor der russischen Invasion  ausgerufen – ein Fehler, den ich aber  nachvollziehen kann. Präsident Selenski wollte unter der Bevölkerung und in der Wirtschaft keine Panik kreieren. Er stand vor einem grossem Dilemma. 

Wann wird Kiew fallen?

Das ist schwer zu beantworten. Derzeit scheint die ukrainische Hauptstadt noch nicht vollständig umzingelt, die russischen Truppen bringen sich immer noch in Position, und der gigantische Konvoi vor Kiew scheint 45 Kilometer vor dem Zentrum festzustecken. Wenn Kiew aber einmal eingekesselt ist, könnte es zu einer Belagerung kommen, die über Wochen andauert, vielleicht sogar Monate. Es könnte russischen Spezialeinheiten aber auch gelingen, in die Stadt einzudringen und Regierungsvertreter und Präsident Selenski zu töten. Diese Dinge sind schwer vorhersehbar. 

Was sind die wahrscheinlichsten Szenarien, wie dieser Krieg enden könnte?  
Auch nicht einfach, denn es gibt verschiedene Entwicklungen im Land. Im Süden dürfte es bald zu weiteren Durchbrüchen kommen: Odessa dürfte sehr bald angegriffen werden und Mariupol unter russische Kontrolle kommen. Und im Nordosten wird Charkiw so lange beschossen, bis auch diese Millionenstadt fallen wird. Die zentrale Frage aber ist, was mit Kiew passieren wird. Russland dürfte alle notwendigen Kräfte aufbringen, um die Hauptstadt einzunehmen – auch wenn ich mir etwas weniger sicher bin, als ich es noch vor fünf Tagen war, da ich damals einen viel schnelleren Vorstoss der russischen Truppen erwartet hatte. Ein Szenario wäre also eine lange Belagerung, gefolgt vom Einbruch der russischen Wirtschaft und einer Destabilisierung von Putins Herrschaft, sodass dieser Krieg zunehmend untragbar wird. Ein anderes, wahrscheinlicheres Szenario aber sehe ich eher darin, dass Russland die ukrainische Regierung stürzt, Präsident Selenski in den Westen, nach Lwiw, flüchten und dort eine Exilregierung aufbauen wird. Aber egal, welches Szenario eintreffen wird: Ich gehe davon aus, dass wir weiterhin heftigen Widerstand gegenüber der russischen Besatzung von der ukrainischen Bevölkerung sehen werden. Das ist die Rezeptur für eine lange Belagerung, und das kann für Russland nicht gut enden. 

Shashank Joshi 

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