Ghostwriting: «Eine Masterarbeit gibts für 10'000 Franken»
Aktualisiert

Ghostwriting«Eine Masterarbeit gibts für 10'000 Franken»

Studenten lassen Arbeiten immer häufiger von Ghostwriting-Agenturen übernehmen. Diese geben den Unis die Schuld an ihrem Erfolg.

von
N. Saameli
Wer das nötige Kleingeld vorweisen kann, kann sich wissenschaftliche Arbeiten von professionellen Textern schreiben lassen. Dieses Geschäft ist am Boomen.

Wer das nötige Kleingeld vorweisen kann, kann sich wissenschaftliche Arbeiten von professionellen Textern schreiben lassen. Dieses Geschäft ist am Boomen.

Wer sein Studium mit einem Bachelor- oder Master-Diplom abschliessen will, sollte bereit dazu sein, mehrere Monate ins Recherchieren und Schreiben zu investieren. Doch wer genügend Geld hat, kann auch Agenturen damit beauftragen, wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen und diese als Eigenleistung ausgeben. Solche Ghostwriting-Agenturen erleben einen nie dagewesenen Boom.

Profiteur davon ist Thomas Nemet, der Geschäftsführer der Agentur ACAD Write. Er hat sein Unternehmen vor einigen Jahren aus Deutschland in die Schweiz verlegt und verdient sein Geld damit, Arbeiten für Studenten, die das nötige Kleingeld aufbringen können, zu verfassen - und hat damit Erfolg: 280 Mitarbeiter zählt sein Unternehmen gemäss seinen Angaben. Über 8600 Arbeiten hat es in seinem zehnjährigen Bestehen bearbeitet - Auftragsvolumen steigend. «Im letzten Jahr hatten wir 20 bis 30 Prozent mehr Arbeit im Vergleich zum Vorjahr», sagt Nemet. Jeder zehnte Kunde komme dabei aus der Schweiz.

«Wie bei Waffen-Herstellern»

Moralische Bedenken habe er wegen seinem Geschäftsmodell nicht. «So ist das halt mit dem Kapitalismus. Wenn man Geld hat, kann man sich die Dinge vereinfachen lassen. Das zählt auch in der Bildung.»

Bei der Abgabe einer Arbeit müssen Schweizer Studenten angeben, dass sie diese in Eigenleistung verfasst haben. Nemet sieht sich auch dadurch von der Verantwortung ausgeschlossen. «Auf eine Art ist das mit uns wie bei einem Waffenhersteller. Der ist auch nicht verantwortlich dafür, dass sich Menschen mit seinem Produkt umbringen.»

Entdeckt werden die Fremdarbeiten fast nie. Auffliegen können sie nur, wenn ein Dozent erkennt, dass ein Student eine Arbeit plötzlich in einem völlig ungewohnten Stil abgibt. «An den meisten Universitäten betreuen die Professoren aber so viele Studenten, dass sie keine Chance dabei haben, eine Person am Schreibstil zu erkennen», sagt Nemet. Der Mangel an Betreuung durch die Universitäten sei ohnehin ein Grund dafür, dass sein Geschäft einen solchen Boom erlebe, sagt er.

«Wir haben nicht nur verwöhnte Studenten»

Geld verdienen lasse sich mit Ghostwriting gut. «Eine fertige Masterarbeit schreiben wir ihnen für ungefähr 10'000 Franken.» Die meisten seiner Kunden kommen auch aus einem wirtschaftlichen oder geisteswissenschaftlichen Studium, wie Nemet erklärt. «BWL-Studenten machen den absoluten Grossteil meiner Kunden aus. Bei naturwissenschaftlichen Studiengängen funktioniert unser Modell nicht so gut, weil dort häufig eigene Experimente und Beobachtungen an die Arbeiten gekoppelt sind.»

Dass es sich bei seinen Kunden nur um reiche Sprösslinge handle, sei eine falsche Annahme. «Bei uns melden sich nicht nur verwöhnte Studenten, die sich in Zermatt vergnügen, während wir ihnen die Schreibarbeit abnehmen. Ein Grossteil der Kunden arbeitet während dem Studium und ist sehr engagiert. Die Zeit reicht ihnen einfach nicht, um während der Arbeit noch allen Pflichten des Studiums nachzukommen.»

Der Kontakt zwischen den Autoren und den Auftraggebern der Arbeiten finde dabei nur online statt. «Sämtliche Kontakte sind bei uns völlig anonym. Auftraggeber können sich nennen, wie sie wollen und wir werden es nicht nachprüfen, solange die Bezahlung stimmt.» Probleme mit Plagiaten oder ungenügenden Arbeiten habe man nie gehabt. «Meine Mitarbeiter haben in ihrem Bereich die Hochschulbildung abgeschlossen. Sie schreiben gerne Arbeiten und haben es deshalb auch nicht nötig, zu kopieren», sagt Nemet.

Unverständnis bei den Universitäten

Wenig begeistert ist man bei den Universitäten vom Ghostwriting. Bettina Jakob, Sprecherin der Universität Zürich (UZH) sagt, das Einreichen einer fremdverfassten Arbeit werde an der UZH ähnlich behandelt wie Plagiate. «Wird dies festgestellt, sind disziplinarische Massnahmen wie ein schriftlicher Verweis bis hin zum Ausschluss vom Studium für ein bis zu sechs Semester möglich.»

Den Vorwurf, dass Ghostwriting durch ungenügende Betreuung an den Universitäten gefördert werde, weist Jakob zurück. «Die UZH ist um eine möglichst gute Betreuung der Studierenden besorgt. Diese hat sich in nahezu allen Fakultäten der Universität Zürich im letzten Jahr merklich verbessert.»

Auf die Schliche kommt man den Ghostwritern trotzdem kaum. Trotz der Überprüfung sind noch fast keine Betrüger erwischt worden. Jakob sagt: «Bisher gab es einen Fall, der disziplinarische Massnahmen nach sich zog.»

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