Aktualisiert 14.03.2013 12:28

Sportcenter HuttwilEine Million – oder eine Kultstätte verlottert

Das ungewöhnlichste Mietangebot im Land: Auf einer Schweizer Immobilien-Plattform kann man für eine Million eine komplette Sportanlage mit nationaler Ausstrahlung mieten.

von
Klaus Zaugg

Dieses landesweit einmalige Mietangebot ist auf der Internetplattform «immoscout24.ch» aufgeschaltet. Der Wortlaut:

Sportcenter mit vielseitiger Nutzung zu vermieten.

Die Freizeit- und Sportanlage im Herzen der Schweiz gelegen, bietet Ihnen ein attraktives, modernes Trainings- und Wettkampfzentrum für verschiedenste sportliche Aktivitäten.

Für Grossanlässe wie Konzerte, Generalversammlungen oder Firmenevents ist die Freizeit- und Sportanlage der ideale Ort.

Die Anlage besteht aus:

- Eishalle mit Restaurant

- Sporthalle (Dreifachsporthalle) mit verschiedenen Büroräumen

- 3 Fussballplätze

- Leichtathletikanlage mit 400m Rundbahn

- 2 Unterkunftsgebäude mit 2er/4er Zimmer, Total 130 Betten

Legendäre Hockey-Schlägerei

Es handelt sich um das legendäre Sportzentrum in Schwarzenbach bei Huttwil. Schauplatz der grössten Massenschlägerei in der internationalen Geschichte unseres Hockeys. Am 13. Februar 1998 haben die Schweizer in einem der ersten Länderspiele unter Ralph Krueger die Kanadier nicht nur besiegt (3:2), sondern auch vaterländisch verprügelt.

Dieses Spiel gilt heute als die Geburtsstunde der «Ära Krueger» und als erster Schritt zurück in die Weltklasse. Hier haben sich die Schweizer 1998 auch auf die WM mit der bisher letzten Halbfinalteilnahme vorbereitet.

Sportzentrum ein Immobiliengeschäft geworden

Dem Betreiber und Besitzer dieser grosszügig konzipierten Sportanlage mit nationaler Ausstrahlung (eine Genossenschaft mit Beteiligung der öffentlichen Hand) ist vor fünf Jahren das Geld ausgegangen. Im Rahmen einer Nachlassstundung ist zum ersten Mal in unserem Land eine so grosse Anlage in den Besitz einer Einzelperson übergegangen.

Der Oberaargauer Immobilien-Unternehmer Markus Bösiger hat das Huttwiler Sportzentrum gekauft. Und bald einmal herausgefunden, dass es nicht möglich ist, kostendeckend zu wirtschaften. Seit zwei Jahren ist das Eisstadion geschlossen. Die Frauen-Fussballakademie wird Ende des Schuljahres auch ausziehen.

Nun will Markus Bösiger die gesamte Anlage vermieten. «Ja, das stimmt», sagt Bösiger gegenüber 20 Minuten Online. «Für mich ist das Sportzentrum ein Immobiliengeschäft geworden und ich möchte diese Immobilie vermieten.»

Wer kann ein Interesse haben, ein Sportzentrum zu mieten? In Frage kommen:

- Sportverbände, insbesondere der Eishockey- und der Fussballverband.

- Ein Zusammenschluss von mehreren Interessierten (Hockey-, Fussball-, Handball- und Unihockeyclubs).

- Die Gemeinde Huttwil, die ihr gesamtes Sportanlagenproblem lösen könnte. Oder der Kanton oder der Bund.

Markus Bösiger sagt: «Der Zonenplan gibt vor, was möglich ist und was nicht. Bewilligt ist alles, was im Zusammenhang mit Sport steht. Will jemand etwas anderes machen, dann braucht es die entsprechenden Bewilligungen. Diese müssten vom Mieter bei den Behörden eingeholt werden.» Er verrät, er habe bereits mehrere Anfragen.

Reitsportzentrum oder Strafanstalt?

Unter anderem gebe es einen Interessenten, der ein Reitsportzentrum einrichten möchte. «Das wäre zonenkonform. Ob daraus etwas wird, ist offen.» Es gebe inzwischen die verschiedensten Überlegungen, nicht einmal die Errichtung einer Strafanstalt sei ganz auszuschliessen. «Wenn sich diese Möglichkeit denn tatsächlich bieten würde, dann wäre ich bereit, die Umzäunung mit Wassergraben auf eigene Rechnung zu machen...»

Wie steht es bei den Sportverbänden? Mit dem Fussballverband hat Markus Bösiger bereits einmal die Möglichkeit einer Miete der gesamten Anlage erörtert. «Aber daran hat der Fussballverband kein Interesse.» Beim Eishockey-Verband läuft noch immer das Projekt eines Zentrums in Winterthur. Dort wäre der Verband nur Mieter. Wenn Winterthur nicht realisiert wird, könnte Huttwil eine Alternative werden. Verbandspräsident Marc Furrer sagt: «Wir sollten bis im Mai in Winterthur Klarheit haben. Erst wenn wir in Winterthur keine Lösung finden könnten, würden wir uns nach Alternativen umsehen.»

Miete: 100 000 im Monat

Aus dem Realwert der Anlage lässt sich der Mietpreis errechnen. Diesen Realwert haben neutrale Gutachter auf 43 Millionen festgesetzt. Wenn die Anlage mit vollem Programm – also mit Restaurationsbetrieb und Eisaufbereitung – betrieben wird, beträgt die Jahresmiete 1,2 Millionen Franken. Oder 100 000 Franken im Monat. «Über Zahlen gebe ich grundsätzlich keine Auskunft», sagt Bösiger. «Aber diese Schätzung ist gar nicht so schlecht...» Der Mietzins berechtigt zum Betreiben der Anlage – für die Betriebskosten muss der Mieter zusätzlich selber aufkommen. Diese Kosten liegen noch einmal bei rund einer Million.

Wird kein Mieter gefunden, dann verkommt im geographischen Herzen der Schweiz eine erstklassige Sport-Infrastruktur – und die regionalen Fussball- und Hockeyklubs klagen rundum über zu wenig Trainings- und Spielplätze bzw. Eisbahnen. Oder um es salopp zu sagen: Eine Million – oder eine Sportkultstätte vergammelt.

Warum verkauft Markus Bösiger das Sportzentrum nicht? Er stellt gegenüber 20 Minuten Online klar: «Ein Verkauf ist ausgeschlossen. Diese Anlage ist viel zu wertvoll und wird jeden Tag wertvoller. Schliesslich macht der liebe Gott in der Schweiz kein neues Land mehr. Es ist heute fast nicht mehr möglich, eine solche Anlage zu bauen und die Gesetzgebung erschwert solche Projekte zusätzlich. Ich bin bald der einzige in Europa, der eine solche Sportanlage besitzt.» Aus einer erstklassigen Sportanlage ist ganz einfach eine Immobilie bzw. eine Geldanlage geworden. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

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