Neuenburg: «Eine Mutter, die klar denken kann, reisst ihre Kinder nicht über den Felsen»

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Neuenburg«Eine Mutter, die klar denken kann, reisst ihre Kinder nicht über den Felsen»

Am Sonntag sind eine Mutter und ihre beiden Kleinkinder von einem Felsen gestürzt. Nach ersten Erkenntnissen hat die Mutter die Kinder mitgerissen. Psychologe Thomas Spielmann sagt, wie es dazu kommen könne. 

von
Claudia Blumer
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«Es sind biochemische Veränderungen im Hirn, die zu so einer Handlung führen»: Psychologe Thomas Spielmann.

«Es sind biochemische Veränderungen im Hirn, die zu so einer Handlung führen»: Psychologe Thomas Spielmann.

Eine Mutter und ihre beiden Söhne sind bei einer Wanderung gestorben. 

Eine Mutter und ihre beiden Söhne sind bei einer Wanderung gestorben. 

VQH
Nach Erkenntnissen der Polizei ist die Mutter in den Tod gesprungen und hat ihre beiden Söhne mitgerissen.  

Nach Erkenntnissen der Polizei ist die Mutter in den Tod gesprungen und hat ihre beiden Söhne mitgerissen.  

Tamedia/Nicole Philipp

Darum gehts

  • Am Sonntag stürzten eine Mutter (37) und ihre Kinder (2 und 4) über eine Felswand. Nach ersten Erkenntnissen hat die Mutter die Kinder hinuntergeworfen, bevor sie selber sprang.

  • Eine Person, die das mache, sei in diesem Moment unzurechnungsfähig und könne nicht mehr klar denken, sagt Psychologe Thomas Spielmann.

  • Grund sei oft ein biochemisches, «explosives» Gemisch aus Stress und hormonellen Veränderungen. Dies vor dem Hintergrund von Veranlagung, Familiengeschichte und psychologischem Zustand.

Wie kann eine Mutter so etwas tun?

Diese Frage stellen sich alle, auch der Psychologe stellt sie sich, sobald er aus dem ersten Schock herauskommt. Was in solchen Fällen immer zutrifft: Es sind biochemische Veränderungen im Hirn, die zu so einer Handlung führen. Stress, ständige Cortisol-Ausschüttung, das Cortisol kann nicht mehr abgebaut werden, andauernd hoher Blutdruck, vielleicht auch noch hormonelle Veränderungen, die dazukommen. Der Volksmund sagt in solchen Fällen: Die Seele ist gebrochen. Aber der Wissenschaftler spricht von Biochemie. Dort ist die Antwort vermutlich zu suchen, fast mehr noch als in der Psychologie. 

Eine Mutter, die ihre Kinder in den Tod wirft – hat sie in der Regel in prekären Verhältnissen gelebt? Mit existenzieller Unsicherheit oder Angst, dass ihr die Kinder genommen werden?

Es wäre falsch, jetzt darüber zu spekulieren. Die Vorgeschichte kennen wir nicht. Die genetische Veranlagung, die Familiensituation und den psychischen Zustand. Wenn dann eben noch Stress und Hormone dazukommen, kann das ein explosives Gemisch geben. Eine solche Person ist nicht mehr zurechnungsfähig.

Nicht zurechnungsfähig heisst nicht schuldfähig. Trägt eine Mutter, die ihre Kinder tötet, nicht die volle Verantwortung für die Tat?

Diese Frage müsste man einem Ethiker stellen. Aus juristischer Sicht ist es bei solchen Fällen meistens so: Die Täterin oder der Täter wird als in diesem Moment unzurechnungsfähig beurteilt. Man ist dann für einen Augenblick mindestens quasi behindert. Eine Mutter, die zurechnungsfähig ist und einigermassen klar denken kann, stösst ihre Kinder nicht vom Felsen. 

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Jüdische Fürsorge, info@vsjf.ch

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen


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