Aktualisiert 27.03.2013 08:53

«Time-out»

Eine Reise durch das Hockey-Disneyland

In sechs Tagen durch die ganze Schweizer Eishockeywelt. Die Playoffs und Playouts liefern interessante Erkentnisse für eine Zwischenbilanz.

von
Klaus Zaugg

Nehmen wir einmal an, der Chronist ist ein Hockeyexperte aus Österreich oder Deutschland. Ohne Vorkenntnisse der hiesigen Verhältnisse. Absolut neutral. Und er hat in sechs Tagen die ZSC Lions gegen Fribourg (am Donnerstag), den SC Bern gegen Zug (am Samstag), Olten gegen Lausanne (am Sonntag) und Langnau gegen Lakers (am Dienstag) gesehen. Und nun versucht er, nach dieser «Tour de Suisse» die verwirrenden Eindrücke zu ordnen, objektiv zu rapportieren und zu bilanzieren.

Die ZSC Lions und Fribourg haben ihn in Zürich hockeytechnisch am stärksten beeindruckt: Tempo, Präzision und Disziplin auf Weltniveau. Zwei praktisch gleichwertige Teams mit hochentwickelter Spielkultur. Ja, zwischendurch blitzt sogar die längst untergegangene «Belle Epoque» des längst untergegangenen sowjetischen Hockeys auf. Andrej Bykow, der Sohn des göttlichen Slawa Bykow, tanzt und erzielt in der Verlängerung den Siegestreffer zum 2:1. Es ist Fribourgs zweiter Sieg in der zweiten Partie dieser Halbfinal-Serie. Aber jeder Ausgang wäre möglich gewesen. Inzwischen führt Fribourg 3:1 und wenn die ZSC Lions am Donnerstag auf 3:2 verkürzen, dann kann alles kippen.

Das Publikum im Rücken

Bern gegen Zug hat den Chronisten fasziniert. Hockeytechnisch kommen diese beiden Teams nicht an die ZSC Lions und Fribourg heran. Kein Andrej Bykow. Aber mit Berns Byron Ritchie ein charismatischer kanadischer Leitwolf. Mit der elektrisierenden Energie aus der grössten Zuschauerkulisse Europa spielen die Berner in ihrem Hockeytempel mit jenen Zutaten, die für Playoffs so typisch sind und wenig mit Taktik und Technik, aber sehr viel mit Psychologie und «Hockey-Voodoo» zu tun haben: Selbstvertrauen, Mut und Emotionen.

Der SCB ist nicht mehr die grosse, mächtige Hockeymaschine, die der Chronist aus früheren Jahren in Erinnerung hat und die jeden Gegner auswärts und zu Hause nach Belieben dominierte. Dafür haben die Berner nicht mehr genug Wasserverdrängung und einschüchternde Härte. Der SCB gewinnt auch sein zweites Heimspiel nach Verlängerung. Aber der neutrale Chronist kann verstehen, dass diese Mannschaft inzwischen das Reizklima des eigenen Hockeytempels braucht, um ihr bestes Hockey zu spielen und bisher gegen Zug in dieser Serie auswärts chancenlos ist.

Beinahe ebenbürtig mit den Grossen

Einen Tag später sitzt der Chronist im Oltner Kleinholz. NLB-Finale zwischen Olten und Lausanne. Nur die zweite Liga? Das kann fast nicht sein. Der Unterschied zum Halbfinale SCB gegen Zug vom Vortag ist gering. Zwei Siegerteams. Gut organisiert, mutig, selbstsicher und mit erstaunlich hoher Präzision, Disziplin und Intensität in ihrem urigen, nordamerikanisch geprägten Spiel. Lausanne siegt 4:3 in der Verlängerung und wird zwei Tage später zu Hause mit einem 5:4 den vierten Sieg und den NLB-Meistertitel holen. Dieses Lausanne kann mit Mut und Glück jedes NLA-Team in Bedrängnis bringen.

Kuriose Welt im Playout

Dann reist der Chronist am Dienstag zum Abschluss seiner «Tour de Suisse» weiter nach Langnau. Um den Playouts beizuwohnen: Die SCL Tigers spielen gegen die Lakers. Er wundert sich: Ist er in eine andere Liga geraten? Kurzweiliges Operetten-Hockey. In 174 Sekunden zelebrieren die SCL Tigers im Mitteldrittel vier (!) Tore (vom 1:1 zum 5:1). Eines davon in Unterzahl.

Der neutrale Chronist reibt sich die Augen: Das ist doch tatsächlich Torhüter David Aebischer im Lakers-Goal. Der Stanley-Cup-Sieger! Es hat eine gewisse Tragik, dass sich Aebischer, der Pionier und Wegbereiter aller Schweizer in der NHL, im Herbst seiner Karriere freiwillig hinter eine solche Lotterabwehr stellt. Fürs letzte Drittel überlässt er seinen Platz Jonas Müller. Es ist der Tausch eines Unglücklichen gegen einen noch Unglücklicheren. Die Abwehrquoten: 83,33 Prozent für Aebischer und 71,43 Prozent für Müller. Der Chronist fragt sich, ob er bei diesem Tanz der Lottergoalies vielleicht den sportlich traurigsten Stanley-Cup-Sieger aller Zeiten gesehen hat.

Ein Meisterspieler als Notnagel-Trainer

Aber an der Rapperswiler Bande steht doch Anders Eldebrink! Der grosse Anders Eldebrink! Ein Schwede, der Eishockey lehrt wie defensives technisches Zeichnen! Der Schöpfer der letzten Klotener Finalteams! Aber dem Chronisten wird berichtet, diese Lakers seien halt unter Gauklern und Zauberlehrlingen wie Morgan Samuelsson und Harry Rogenmoser taktisch verwildert. Eldebrink könne nicht in ein paar Wochen korrigieren, was jahrelang verpasst worden sei.

Die offensive Herrlichkeit des Mitteldrittels täuscht darüber hinweg, dass auch bei den Emmentalern weder Verteidigung noch Selbstvertrauen gefestigt sind. Es ist nicht einmal auszuschliessen, dass am Donnerstag Langnaus Remo Giovannini (oder Thomas Bäumle, wenn erneut gewechselt werden sollte) das gleiche Schicksal blüht wie David Aebischer. Der Chronist denkt: Gegen diese Lakers und gegen diese Langnauer hat Lausanne in der Liga-Qualifikation alleine schon wegen des besseren Torhüters (Cristóbal Huet, auch ein Stanley-Cup-Sieger) eine Chance von mindestens 60:40.

Der Chronist hat auf seiner Reise durchs Mittelland und das Emmental alle möglichen Kulturformen des Eishockeys gesehen. Er ist in sechs Tagen sozusagen um die Hockeywelt gefahren. Wenn er nun nach Deutschland oder Österreich zurückkehrt, so wird er daheim verwundert erzählen, er sei in einem wundersamen Hockeyland gewesen und habe sich aufs vortrefflichste unterhalten. Es komme ihm fast vor, als sei er im Hockey-Disneyland gewesen.

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