Aktualisiert 11.08.2009 09:04

«Time-out» mit Klaus ZauggEine Reportage aus einer heilen Welt

Der Tiger stirbt nicht. Der Emmentaler Traditionsverein SCL Tigers wird vom Langnauer Steuerzahler gerettet. Es gibt sie also doch noch: Die heile Welt, die der Dichterfürst Jeremias Gotthelf beschrieben und die unser Staatsfernsehen später im Sahlenweidli abgebildet hat.

von
Klaus Zaugg

Die Emmentaler mögen oft zerstritten sein. Es kann auch vorkommen, dass sie von schlauen Politikern hinters Licht geführt oder gar von Tuchhändlern oder sonstigen Galgenvögeln betrogen werden. Aber wenn genug ist, dann ist genug. In der Not stehen die Emmentaler zusammen. Und zeigen eine Solidarität, die es in der Welt von heute eigentlich gar nicht mehr gibt.

Viel Geld für eine kleine Gemeinde

Es geht darum, die SCL Tigers zu retten. Das Gemeindeparlament ist aufgefordert, insgesamt 900 000 Franken Steuergelder für die SCL Tigers zu bewilligen. Das ist enorm viel Geld für ein Dorf mit rund 9000 Einwohnern. Vergleichsweise müsste die Stadt Biel (rund 50 000 Einwohner) ihrem EHC vier Millionen Kredit gewähren. Oder die Stadt Zürich (rund eine Million Einwohner) den ZSC Lions 90 Millionen. Es ist ein ordnungspolitischer Sündenfall. Nur wer erlebt hat, wie dieses so heikle Geschäft in anderthalb Stunden über die Bühne gebracht worden ist, versteht das Emmental und Gotthelf.

Montag, 10. August 2009. Draussen läuten die Kirchenglocken um 20.00 Uhr den Abend ein. Drinnen im Saal des Kirchgemeindehauses eröffnet Ratspräsident Christoph Uttiger pünktlich die brisante Sitzung des Grossen Gemeinderates. Uttiger macht gleich darauf aufmerksam, dass nicht geraucht werden darf und bittet um Ruhe und Ordnung. Seine mahnenden Worte sind überflüssig. Im Emmental wird auch bei brisanten politischen Geschäften der Anstand gewahrt.

«Lasst den Tiger nicht sterben»

Draussen vor dem Kirchgemeindehaus hatte eine Hundertschaft Hockeyfans die 40 Parlamentarierinnen und Parlamentarier mit einem grossen Spruchband («Lasst den Tiger nicht sterben») und Gesängen empfangen. Schön echote der «Trueber Bueb» (die Hymne der Emmentaler) über den Platz gegen die Kirche «übere» und gegen den Bären und das Chüechlihus «abe», als der drahtige Gemeindepräsident und Hobby-Mountainbiker Bernhard Antener (SP) mit dem Velo eintraf.

Drinnen im Saal sind hinten mehrere Reihen Stühle aufgestellt worden. Ähnlich wie bei legendären Theateraufführungen, bei denen einst «Oberli-Mündu» Regie führte. Vorne, im grossen Halbkreis sitzen an Tischen die Parlamentarierinnen und Parlamentarier. In der ersten Zuschauerreihe haben unter anderem Trainer Christian Weber, Captain Fabian Sutter und der designierte neue Tiger-Präsident Peter Jakob Platz genommen.

Medienleute illustrieren Bedeutung des Klubs

Gemeindepräsident Bernhard Antener wirft nach Diskussionen um andere Projekte den Puck ein und begründet den Kredit über 800 000 und die Aktienzeichnung über 100 000 Franken. Er spricht von einem heiklen Geschäft. Sagt, dass besondere Situationen besondere Massnahmen erfordern. Die finanzielle Schieflage der SCL Tigers sei so gravierend, dass ein Lichterlöschen nicht ausgeschlossen werden könne. Man sei überzeugt, dass ein Untergang der SCL Tigers für Gemeinde und Region schädlich wäre und er verweist, um die Bedeutung der SCL Tigers zu illustrieren, auf die Anwesenheit der gut 20 Medienvertreter plus Fernsehen. Entweder gelinge es jetzt, das Eishockey-Unternehmen SCL Tigers zu stabilisieren oder dann müsse man vom Spitzeneishockey in Langnau Abschied nehmen. Dieser letzte Versuch lohne sich.

Es sind nicht alle mit dem Geschäft einverstanden. Wer dafür ist, fast eine Million Steuergelder ins Hockeygeschäft zu investieren, bekommt Applaus von den gut hundert Zuhörern hinten im Saal - aber kein Johlen und Pfeifen. Wer wider den Tiger redet, wird nicht unterbrochen, nicht ausgebuht, es gibt keine Missfallenskundgebungen. Eine Debatte auf hohem Niveau und jederzeit anständig.

Die Zustimmung nach anderthalb Stunden ist eindeutig: 26 Ja gegen 11 Nein bei der Abstimmung über den 800 000 Franken Kredit. Auch die Aktienzeichnung von 100 000 Franken wird mit ähnlichem Mehr bewilligt. Und das alles in offener Abstimmung.

Grosse Solidarität im Eishockey-Dorf

Hinterher, so gegen 23.30 Uhr sitzen alle unten im Bären. Gegner und Befürworter an den gleichen Tischen und mittendrin Trainer Christian Weber, den sie «Chrigu» nennen, als sei er ein Emmentaler. «Chrigu» stammt aus dem Züribiet (Dübendorf) und erlebt zum ersten Mal die Solidarität des Dorfes mit dem Eishockey in dieser Form, die es so in der Schweiz noch nie gegeben hat.

Der designierte neue Tiger-Präsident Peter Jakob ist auch da. Er hört viele aufmunternde Worte. Von ihm und seiner Investorengruppe wird viel erwartet. 900 000 Franken kommen aus der Gemeindekasse. Eine Million müssen Jakobs Männer nun einschiessen und dann die Verantwortung für die SCL Tigers übernehmen.

Arosa konnte nicht gerettet werden

Der 10. August 2009 ist ein historischer Tag in der Geschichte Langnaus, des Emmentals und des Schweizer Eishockeys. Nie zuvor hat eine Gemeinde oder eine Stadt mit so grossem Mehr eine direkte Unterstützung eines Eishockey-Unternehmens beschlossen. Am 23. September 1984 hatten beispielsweise die Stimmbürger von Arosa eine Subvention von 200 000 Franken für den EHC Arosa nur gerade mit 16 Stimmen Mehrheit gutgeheissen und ein Jahr später verzichtete der EHC, unter politischem Druck, auf das Geld und stieg kurz darauf freiwillig aus der NLA in die 1. Liga ab.

Sind die SCL Tigers gerettet?

Der Emmentaler liebt die Entscheidung. Er legt sich fest, und zwar durch die Tat. Ein erster Schritt zur Rettung ist am Montag im Kirchgemeindehaus gemacht worden. Aber schliesslich und endlich geht es um Sport. Die Entscheidung über das Schicksal des Unternehmens SCL Tigers AG fällt auf dem Eis. Am 11. September beginnt die Meisterschaft mit dem Heimspiel gegen den EV Zug.

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