Aktualisiert 15.01.2015 16:58

Analyse

Eine riskante Wahl – für Tami und für GC

Pierluigi Tami wird Trainer bei den Grasshoppers. Der Wechsel vom Verband zum Rekordmeister birgt ein hohes Risiko – für beide.

von
Sandro Compagno
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15. Januar 2015
15. Januar 2015

Dem Wechsel steht nichts mehr im Weg: Der Schweizerische Fussballverband und Pierluigi Tami einigen sich auf eine Vertragsauflösung des bis 2017 gültigen Arbeitsvertrages.

Keystone/Gabriele Putzu
14. Januar 2015
14. Januar 2015

24 Stunden zuvor: Zwar fehlt die Freigabe des SFV noch, doch es ist so gut wie sicher, dass Pierluigi Tami das Zepter bei den Grasshoppers übernehmen wird. Die Ablösesumme, die GC an den Verband zahlen muss, soll 100'000 Franken betragen.

Keystone/Peter Schneider
Tami übernimmt für Michael Skibbe, der Anfang Januar bekannt gab, er wechsle in die Türkei.

Tami übernimmt für Michael Skibbe, der Anfang Januar bekannt gab, er wechsle in die Türkei.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Halten wir uns zuerst an die Fakten: Mit Pierluigi Tami erhalten die Grasshoppers einen ausgewiesenen Fachmann. Der Tessiner mit Wurzeln in Bergamo, den sie alle nur Pier nennen, gilt als integrer und fleissiger Arbeiter. Als mässig begabter Fussballer spielte er für alle grossen Tessiner Vereine, später wirkte er als Trainer unauffällig in Locarno und Lugano. 2003 ging er zum Schweizerischen Fussballverband.

Seinen grössten Erfolg feierte er an der U21-Europameisterschaft 2011, als er die Schweiz in den Final führte und sich das Team gleichzeitig für die Olympische Spiele 2012 qualifizierte. Tami gilt als guter Taktiker, der seine Mannschaften perfekt auf einen Gegner einstellen kann. Seine analytischen Fähigkeiten hatten sich auch die Nationaltrainer Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld zu Nutze gemacht. Tami spricht fliessend Italienisch, Französisch und Deutsch. Und er verfügt über das, was man eine hohe Sozialkompetenz nennt.

Trainer oder «Selectionneur»?

Für die Grasshoppers wirkt er wie eine Idealbesetzung. Der Rekordmeister, der seine Ambitionen drastisch gesenkt hat, sucht heute nicht mehr Meistermacher, sondern Ausbildner. Die Jugend-Förderung ist bei GC Programm. Dafür ist Tami der richtige Mann. So sieht es jedenfalls aus.

Doch die Hoppers gehen mit Pierluigi Tami ein Risiko ein. Tami ist seit 2003, also seit mehr als elf Jahren, Auswahltrainer beim Verband. Schon das Wort «Auswahltrainer» ist ein Etikettenschwindel, das französische Wort «Selectionneur» kommt der Wahrheit viel näher: Ein U21-Trainer muss eine Mannschaft nicht trainieren, sondern vielmehr auswählen, also selektionieren. Ein U21-Trainer arbeitet während vielleicht 20 Tagen im Jahr mit seinen Spielern. Das sieht dann so aus: Am Montag begrüsst er Mergim, Kevin und Dragan im Teamhotel, am Dienstag reist er an ein Auswärtsspiel, das am Mittwoch stattfindet, und am Donnerstag entlässt er Mergim, Kevin und Dragan wieder zu ihren Klubs. In diesen vier Tagen hat der Auswahltrainer Zeit für ein, maximal zwei seriöse Trainings. Mit den jungen Spielern wird im Klub gearbeitet, nicht in der Junioren-Nationalmannschaft.

Raus aus der geschützten Werkstatt

Das hat der FCZ feststellen müssen, als er 2007 Bernard Challandes als Nachfolger von Lucien Favre vorstellte, auch Challendes war zuvor U21-Nationaltrainer. Er wurde 2009 Schweizer Meister mit dem FCZ, der damals über ein sehr starkes Kader verfügte. Nur: Junge hat er kaum gefördert. Auch Pierre-André Schürmann ist 2009/10 bei Xamax nicht als Jugendförderer in Erinnerung geblieben.

Doch nicht nur GC geht ein Risiko ein. Das grössere Wagnis nimmt Pierluigi Tami auf sich. Der 53-Jährige Tessiner hätte in der geschützten Werkstatt des SFV auf seine Pensionierung warten können. Stattdessen nimmt er eine der grössten Herausforderungen im Schweizer Fussball an: den Grasshopper Club mit seinen wenig transparenten Entscheidungswegen, mit seinem Kader, das zu 70 Prozent auf auslaufenden Verträgen sitzt, und mit seinem Führungsspieler, der eben einen Machtkampf gegen Tamis Vorgänger Michael Skibbe gewonnen hat.

«Mutig in der Offensive, kompakt in der Defensive», so beschreibt Tami den Fussball, der ihm vorschwebt. Eines muss man ihm lassen: Er geht mit seinem Wechsel vom Verband zu GC mutig in die Offensive.

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