Aktualisiert 26.10.2010 10:39

Fifa-Korruption

Eine saubere Familie

Neue Korruptionsvorwürfe erschüttern die Fifa. Den betroffenen Funktionären droht der Rauswurf, sie gelten als «kleine Fische». Die Grossen können sich fast alles erlauben.

von
Peter Blunschi

Seit Jahren hält Amos Adamu den nigerianischen Fussball «im Würgegriff», wie die in der Hauptstadt Abuja erscheinende Zeitung «Daily Trust» schrieb. In dieser Zeit habe der Funktionär nicht nur eine Machtbasis aufgebaut, sondern auch ein «enormes Vermögen» angehäuft. Weil er zahlreiche Skandale überstanden hatte, wurde Adamu als «Katze mit neun Leben» bezeichnet. Doch auch diese sind irgendwann aufgebraucht.

Bereits vor zwei Jahren wurde er als Präsident der Nationalen Sportkommission abgesetzt, ohne Begründung. Eine Zeitung beschuldigte ihn der Korruption in Zusammenhang mit Sponsorengeldern. Nun droht Amos Adamu der endgültige Fall, nachdem die britische «Sunday Times» ihn als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees überführen konnte, wie er seine Stimme bei der Vergabe des WM-Turniers 2018 für 800 000 Franken verkaufen wollte.

Zwei ungleiche Ticketdeals

Bislang hielt sich Adamu bedeckt, im Gegensatz zu seinem ebenfalls angeschuldigten Kollegen Reynald Temarii aus Tahiti, der für seine Stimme sogar zwei Millionen verlangt haben soll und zugab, er habe «einen Fehler gemacht». Die Fifa hat die beiden fehlbaren Funktionäre vorerst suspendiert. Kenner des Fussball-Weltverbandes halten es für möglich, dass Präsident Sepp Blatter an ihnen ein Exempel statuieren und sie rauswerfen wird.

Adamu und Temarii gelten als eher kleine Fische im Fifa-Führungsteich, und wie Blatter mit solchen umspringen kann, zeigt das Beispiel von Ismail Bhamjee aus Botswana, der nach der WM 2006 in Deutschland aus dem Exekutivkomitee gefeuert wurde, weil er rund ein Dutzend Tickets auf dem Schwarzmarkt verdealt hatte. Ganz anders erging es Fifa-Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad und Tobago, obwohl er in weit grösserem Stil mit Tickets gehandelt und einen Gewinn von rund einer Million Dollar erwirtschaftet hatte.

Vom Lehrer zum Millionär

Warner kam mit einer Rüge davon, ausserdem wurde er verpflichtet, den unrechtmässig erzielten Gewinn abzuliefern. Angeblich hat er nur einen Viertel tatsächlich überwiesen. Doch der Funktionär aus dem kleinen Karibikstaat kann sich so gut wie alles erlauben: Er ist Präsident des Kontinentalverbands von Nord-/Mittelamerika und der Karibik (Concacaf) und kontrolliert damit 35 Stimmen bei der Wahl des Fifa-Präsidenten.

Kein Fifa-Funktionär wird so oft mit Korruption in Verbindung gebracht wie Jack Warner, der es vom Lehrer zum Multimillionär gebracht hat, auch weil ihm seit Jahren die WM-Fernsehrechte für den karibischen Raum gehören. Als diese 2001 an einen Rivalen vergeben wurden, soll Warner laut der «Süddeutschen Zeitung» von Blatter «in rüdem Ton» die Rückgabe verlangt und damit gedroht haben, die U-17-WM in seiner Heimat platzen zu lassen. Mit einem Kniff gelang es tatsächlich, Warner die Rechte zurückzugeben.

Namentlich belastet

Jack Warner gilt als schlicht zu mächtig, um gefeuert zu werden. Gleiches trifft auf Ricardo Teixeira zu, den Präsidenten des brasilianischen Verbandes und Schwiegersohn von Sepp Blatters Vorgänger João Havelange. Seit Jahren pflastern Vorwürfe wegen Vetternwirtschaft seinen Weg, Fussballlegende Pelé bezichtigte ihn in seiner kurzen Zeit als brasilianischer Sportminister offen der Bestechlichkeit. Im Korruptionsprozess um den konkursiten Sportrechtehändler ISL wurde Teixeiras Name als einer von wenigen explizit genannt.

Ricardo Teixeira aber sitzt fest im Sattel, ebenso wie der langjährige Fifa-Vize Julio Grondona aus Argentinien, dem ebenfalls zahlreiche Skandale anhaften. Zu gross ist ihr Gewicht, zu pikant wohl auch ihr Insiderwissen, als dass Sepp Blatter ihnen ernsthaft an den Kragen gehen würde. Lieber pflegt der Walliser das Image der Fifa als grosse Familie. Obwohl sich dahinter ein alles andere als idyllisches Bild verbirgt.

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