«Time-out»: Eine SCB-Krise zum richtigen Zeitpunkt
Aktualisiert

«Time-out»Eine SCB-Krise zum richtigen Zeitpunkt

Nach dem 3:4 gegen Fribourg bekommt der neue SCB-Trainer Antti Törmänen erstmals die Chance, sich als Krisenmanager zu bewähren.

von
Klaus Zaugg
Beim Krösus der Liga läufts auch unter Coach Antti Törmänen nicht ganz nach dem Gusto von Geschäftsführer Marc Lüthi.

Beim Krösus der Liga läufts auch unter Coach Antti Törmänen nicht ganz nach dem Gusto von Geschäftsführer Marc Lüthi.

Die Playoffs sind nicht in Gefahr. Auch dann nicht, wenn der SCB am Sonntag gegen Biel die sechste Niederlage hintereinander einfahren sollten. Aber es ist statistisch die grösste Krise seit biblischen sieben Jahren (seit dem Januar 2005): Damals blieben die Berner unter dem finnischen Trainer Alpo Suhonen sechsmal hintereinander (gegen Kloten, Davos, Lugano, Lausanne, Langnau und Rappi) ohne Sieg und schafften schliesslich am 20. Februar 2005 die Playoffs erst im letzten Qualifikationsspiel mit einem 10:1 gegen Kloten.

Es geht jetzt, sieben Jahre später, nicht um die Playoffs. Sondern primär um das Ego und die Ehre von SCB-Mitbesitzer und Geschäftsführer Marc Lüthi. Er hat am 21. Oktober Trainer Larry Huras nach einer Niederlage gegen die ZSC Lions wegen unspektakulärer Spielweise über den Kopf von Sportchef Sven Leuenberger hinweg gefeuert und den Assistenten Antti Törmänen zum Cheftrainer befördert. Es war eine Trainerentlassung ohne jede sportliche Not. Antti Törmänen löste die taktische Handbremse, gewährte mehr Freiheiten und vorübergehend hat der SCB unter dem neuen Coach mit finnischem Lauf- und Tempohockey begeistert. Schon zeichnete sich ab, dass die Entlassung von Larry Huras ein kluger Entscheid war.

Die ganze Herrlichkeit ist verflogen

Die Gegner haben im Zeitalter der Video-Bildermaschinen das Schema des neuen SCB-Spektakels durchschaut. Es ist kein Zufall, dass der SCB seinen letzten Sieg am 9. Dezember gegen das Lauf- und Tempoteam Davos (2:0) gefeiert hat. Es ist auch kein Zufall, dass die Berner ihre Niederlagen gegen «Desperado-Teams» (Biel, Lugano, Ambri, Servette) eingefahren und nun gegen ein Gottéron zum fünften Mal in Serie verloren haben: Der Tabellenführer hat am Freitag ebenfalls gespielte wie ein Aussenseiter: In erster Linie auf Defensivarbeit bedacht. Zuvor hatte Gottéron gegen Lugano 8:6 gewonnen. Topskorer Julien Sprunger sagt es so: «Wir wussten, dass wir gegen den SCB mit sechs Gegentreffern nicht gewinnen können. Deshalb haben wir in der Vorbereitung intensiv unsere Defensivarbeit verbessert.»

Schwung und Dynamik des SCB-Spiels sind also zuletzt gegen defensiv gut aufgestellte Gegner zusammengebrochen wie eine schlechte Natelverbindung. Beim 3:4 gegen Fribourg spielten die Berner das gleiche unspektakuläre, schematische Hockey wie einst unter Huras – bloss nicht mehr mit der gleichen Selbst- und Systemsicherheit.

Die heraufziehende SCB-Krise hat sogar dem sonst so kommunikationsfreudigen Marc Lüthi vorübergehend die Sprache verschlagen, und er wimmelte in Fribourg die Reporter ab: «Es gibt nichts zu sagen, am Sonntag gegen Biel geht es weiter.» Ja, was soll er auch sagen? Beim 1:2 gegen Servette hatte Lüthi zuletzt die fehlende Leidenschaft seiner Spieler moniert. Diesen Vorwurf kann er seinen Stars nach dem 3:4 hrhrn Fribourg nicht mehr machen. Trainer Antti Törmänen war mit der Arbeitseinstellung des Personals zufrieden. Torhüter Marco Bührer hielt sein Team im Spiel und es gab keinen Versager, der man hätte zum Sündenbock machen können. Trotzdem reichte es nicht zum Sieg.

Identität verloren

Um es etwas trivial zu sagen: Wäre der SCB ein Mann, so würden wir jetzt eine hockeytechnischen «Midlife Crisis» diagnostizieren: Die Berner wissen nicht mehr, ob sie eine jugendlich-forsche Offensivmannschaft oder ein etwas reiferes, schlaues Defensivteam sind. Sie haben zumindest vorübergehend ihre Identität verloren und sind taktisch zwischen Stuhl und Bank gefallen.

Während einer «Midlife Crisis» folgt im richtigen Leben oft eine Scheidung – und die droht Trainer Antti Törmänen beim SCB, sollte am Sonntag gegen Biel die sechste Niederlage in Serie folgen. Oder behält SCB-General Marc Lüthi diesmal die Nerven? Selbst zehn Niederlagen in Serie können ja die Playoffs nicht ernsthaft in Gefahr bringen. Die Krise kommt also zum richtigen Zeitpunkt: Antti Törmänen kann nun das Krisenmanagement üben. Schafft er den «Turnaraound», dann bekommt er das, was ihm bis jetzt noch weitgehend fehlt: Das Charisma eines grossen Trainers.

Zu wenig Unterhaltung - so hat Lüthi den Trainerwechsel im Oktober begründet. Die Geister, die er mit dem Trainerwechsel gerufen hat, wird er nicht mehr los: Entweder hat er diese wieder Unterhaltung auf dem Eis – oder dann halt in seinem Büro. Medienpräsenz ist auch garantiert, Polemik inklusive. So oder so.

Bei einer Entlassung von Antti Törmänen wäre dann noch eine ganz interessante Frage zu klären: Erreicht der Finne die Halbfinals, wird sein Vertrag automatisch um ein Jahr bis Ende der nächsten Saison verlängert. Was, wenn Törmänen gehen muss und dann sein Nachfolger die Halbfinals schafft? Muss dann der SCB Törmänen auch für die ganze nächste Saison löhnen? Das wäre dann nicht sportliche und auch nicht mediale Unterhaltung. Sondern ein kurzweiliges juristisches Spektakel.

Deine Meinung