Aktualisiert 29.11.2010 10:14

Task Force 373

Eine «Schattenarmee» und ihre Opfer

Die Afghanistan-Papiere enthüllen die Existenz einer geheimen US-Elitetruppe: Sie jagt Taliban- und Al-Kaida-Kommandeure – und tötet oft Unschuldige.

von
Peter Blunschi
Die Mitglieder der Spezialtruppe agieren im Verborgenen.

Die Mitglieder der Spezialtruppe agieren im Verborgenen.

Die Mitglieder von Task Force 373 sind US-Elitesoldaten, die unabhängig von der NATO-geführten Afghanistan-Schutztruppe ISAF operieren und ihre Befehle direkt aus dem Pentagon erhalten, schreibt «Spiegel Online». Ihre Existenz wie auch ihre Einsätze waren bislang streng geheim. Durch die Veröffentlichung von 91 000 Dokumenten zum Afghanistan-Krieg durch die Website Wikileaks wurde der Schleier gelüftet.

Enthüllt wurde auch die Existenz einer Liste von mehr als 2000 hochrangigen Mitgliedern von Taliban und Al Kaida, die so genannte Joint Prioritised Effects List (JPEL). Aus den Dokumenten lassen sich 84 JPEL-Aktionen herausfiltern, die durch Einheiten wie TF 373 durchgeführt wurden. Ziel ist es, die Feinde «lebend oder tot» zu erwischen. Manchmal gelinge die Gefangennahme, oft aber beschränkt man sich auf die Tötung, was nicht nur rechtlich fragwürdig ist. Oft enden solche Operationen mit unschuldigen Opfern.

Neben Zivilsten sind auch afghanische Polizisten betroffen, so am 11. Juni 2007, als die Task Force zusammen mit afghanischen Eliteeinheiten einen wichtigen Taliban-Kommandanten in einem Tal bei Jalalabad ergreifen wollten. Beim nächtlichen Einsatz kam es zu einem Feuergefecht, doch auf der Gegenseite befanden sich keine Taliban, sondern afghanische Polizisten. Sieben wurden getötet, vier weitere verwundet.

Sieben tote Kinder

Nur wenige Tage später, am 17. Juni, kam es zum folgenschwersten Fall: Auf der Jagd nach dem prominenten Al-Kaida-Kämpfer Abu Laith al-Libi («der Libyer») beschoss die Taskforce eine Koranschule in einem Dorf, in dem der Terrorist und seine Anhänger vermutet wurden, mit Raketen. Doch in den Trümmern der Schule fanden die Soldaten nur die Leichen von sechs Kindern. Ein weiteres war schwer verletzt, konnte aber nicht gerettet werden.

Der Vorfall wurde von der ISAF publik gemacht, doch er wurde so dargestellt, als ob die Taliban die Kinder als Schutzschilde missbraucht hätten. Weder die Jagd nach al-Libi und schon gar nicht die Beteiligung von TF 373 wurden erwähnt. Der interne US-Bericht wurde nicht nur als «geheim» klassifiziert, sondern explizit den anderen Nationen innerhalb der ISAF vorenthalten. «Die Tatsache, dass TF 373 einen Raketenangriff durchgeführt hat, muss verheimlicht werden», heisst es in einem Vermerk.

Trotzdem kam es zu mindestens einem weiteren Einsatz mit tödlichen Folgen für Zivilisten. Bei einem Gefecht mit Taliban-Kämpfern am 4. Oktober 2007 forderte die Elitetruppe einen Luftangriff auf ein Haus an, aus dem sie angeblich beschossen wurde. Die Bilanz: «12 US-Soldaten verwundet, zwei Teenager-Mädchen und ein zehnjähriger Junge verwundet, ein Mädchen getötet, eine Frau getötet, vier zivile Männer getötet, ein Esel getötet, ein Hund getötet, vier Hühner getötet, kein Feind getötet, kein Feind verwundet, kein Feind gefangen.»

Die wichtigsten Vorfälle

Mehr als 90 000 Dokumente zum Afghanistan-Krieg hat die Website Wikileaks veröffentlicht und vorab den Zeitungen «New York Times» und «Guardian» sowie dem «Spiegel» zur Auswertung zur Verfügung gestellt. Der «Guardian» hat die 300 wichtigsten Vorfälle auf einer interaktiven Karte zusammengefasst.

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