Aktualisiert 20.11.2011 20:24

Republikaner in Not

Eine schrecklich lahme Familie

Langweiler, Dummschwätzer, Nobodys – das Bewerberfeld der Republikaner für die US-Präsidentschaft ist ein bedenklich schwacher Haufen. What's going on?

von
Peter Blunschi

Es treten an: Ein Favorit, den niemand mag (Mitt Romney), drei Witzfiguren (Michele Bachmann, Herman Cain, Rick Perry), ein paar mehr oder weniger Namenlose sowie als «Dekoration» der ewige Querkopf Ron Paul. Sie alle wollen Präsident werden – nicht irgend eines Bowling-Klubs, sondern der Vereinigten Staaten von Amerika. Eineinhalb Monate vor Beginn der parteiinternen Vorwahlen präsentiert sich das Bewerberfeld der republikanischen Partei als reichlich desolate Truppe, die niemanden mitzureissen vermag.

Amerikas Polit-Experten staunen, und der durchschnittliche Joe Sixpack wundert sich: Was ist nur los mit der stolzen Grand Old Party? Denn die Voraussetzungen, einen Amtsinhaber aus dem Weissen Haus zu werfen, waren selten so gut: Eine rekordhohe Arbeitslosigkeit, eine schwächelnde Wirtschaft, eine Nation in der Identitätskrise. Drei Viertel der Amerikaner sind gemäss Umfragen überzeugt, ihr Land bewege sich eindeutig in die falsche Richtung. Viele werfen Barack Obama vor, er zeige zu wenig Führungsqualitäten. Doch ein starker Herausforderer für den Präsidenten ist nicht erkennbar.

Sicher, Mitt Romney ist ein seriös wirkender Typ, der kaum Fehler macht. Aber der frühere Gouverneur von Massachusetts hat auch den Ruf einer prinzipienlosen Windfahne, die ihre Ansichten dem jeweiligen Publikum anzupassen pflegt. Und für viele in der Partei hat er als Mormone die falsche Religion. Der schwarze Gastro-Unternehmer Herman Cain fragt sich wohl immer noch, ob Libyen eine Essware ist oder ein Getränk. Und der texanische Gouverneur Rick Perry ist schon froh, wenn er einen geraden Satz hinbekommt.

And the Winner is: Obama

Zehn Fernsehdebatten haben die republikanischen Bewerber bereits hinter sich. Für Politico-Kolumnist Roger Simon steht fest, wer der grosse Sieger ist: Barack Obama. Eine neue Umfrage liefert den Beleg: Der Präsident bleibt zwar verwundbar, liegt aber gegenüber sämtlichen republikanischen Bewerbern in Front. Kein Wunder, denkt man an die letzte Debatte zum Thema Aussenpolitik. Wer sie verfolgte, musste sich die Augen reiben, denn ausser Plattitüden und dumpfem Kriegsgeraune hatten die potenziellen Herausforderer kaum etwas zu bieten.

«Wo sind die republikanischen Schwergewichte?» fragte der «Washington Post»-Blogger Ezra Klein fast schon verzweifelt. Es gäbe sie sehr wohl: Rudy Giuliani, Chris Christie, Mitch Daniels, Bobby Jindal, Paul Ryan, und das sind nur einige Namen. Doch sie alle stiegen früh aus oder traten gar nicht erst an. Über die Gründe rätselt ein ganzes Land, doch eine klare Antwort kann kaum jemand liefern. Fünf mögliche Gründe bieten sich an:

Die Leiche im Keller: Der eine oder andere potenzielle Bewerber mag sich vor unliebsamen Enthüllungen fürchten. Zum Beispiel John Ellis «Jeb» Bush, der jüngere und eigentlich politisch begabtere Bruder von Ex-Präsident «W». Doch der ehemalige Gouverneur von Florida lehnte eine Kandidatur stets kategorisch ab, was wohl nicht nur am «falschen» Nachnamen liegt. Jeb Bush war unter anderem mit der Skandalbank Lehman Brothers verbandelt, deren Konkurs im September 2008 beinahe das Finanzystem kollabieren liess. Auch wurden ihm aussereheliche Affären nachgesagt. Ähnliche Probleme privater Art hat auch der frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani.

Der Zustand der Partei: Unter dem Einfluss der staatsfeindlichen Tea-Party-Bewegung sind die Republikaner noch weiter nach rechts gerückt. Die Hardliner treiben die Kandidaten vor sich her und zwingen sie zu radikalen Positionsbezügen etwa beim Reizthema illegale Einwanderung – zur Freude der Demokraten. Wer auch immer am Ende nominiert wird, steht vor einer äusserst heiklen Aufgabe. Er muss die rechte Basis weiterhin bei Laune halten und gleichzeitig die politische Mitte umwerben, ohne die niemand Präsident wird. Ein gewagter Spagat, bei dem man leicht auf die Nase fallen kann.

Die Lage der Nation: Aussenpolitisch hat Barack Obama die Kehrtwende eingeleitet, doch im Innern präsentieren sich die USA in einem bedenklichen Zustand. Das Land konsumiert zu viel und produziert zu wenig, die Arbeitslosigkeit ist hoch, nur eine kleine Minderheit profitiert von steigenden Löhnen, der Sozialstaat wird unbezahlbar, die Staatsverschuldung ist exorbitant, die Infrastruktur marode, der Immobilienmarkt liegt am Boden. Gleichzeitig herrscht in Washington eine politische Blockade, vernünftige Lösungen scheinen undenkbar. Kurzum: Der Begriff Herkulesarbeit ist eine glatte Untertreibung für die Aufgabe, diesen Augiasstall auszusmisten.

Die Kampfkraft des Amtsinhabers: Barack Obama mag viele enttäuscht haben. Doch seine Qualitäten als Wahlkämpfer sind seit 2008 bestens bekannt. Damals gelang es dem relativ unerfahrenen Senator, mit Hillary Clinton und John McCain zwei politische Schwergewichte platt zu machen. Nun ist seine Kriegskasse bereits wieder gut gefüllt, die gefürchtete Wahlkampf-Maschinerie angelaufen. Ausserdem ist er nicht so unpopulär, wie es den Anschein hat. Mehr als 40 Prozent haben eine positive Meinung von ihm – seine Chancen sind intakt.

Die Härte des Rennens: Die US-Präsidentschaftswahlen haben sich zu einem brutalen Marathon entwickelt, der den Bewerbern fast schon Unmenschliches abverlangt und Unsummen verschlingt. Wer einsteigt, braucht nicht Nerven aus Stahl, sondern aus Titan. Jedes falsche Blinzeln wird von den Medien zerpflückt. Den zehn Fernsehdebatten werden in den nächsten vier Monaten 13 (!) weitere folgen, und dann geht's erst richtig los. Nicht jeder will sich das antun. Mitch Daniels, der Gouverneur von Indiana, verzichtete auf eine Kandidatur, weil er seiner Familie den Verlust an Privatsphäre nicht zumuten wollte.

Fazit: Die Ausgangslage ist nicht so rosig, wie es auf den ersten Blick scheint, sondern wohl so schwierig wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Wen wundert's, dass gerade vernunftbegabte Leute abtauchen und Richtung 2016 oder sogar 2020 schielen. Deshalb scheint alles auf Mitt Romney hinauszulaufen, obwohl die Konservativen nach wie vor eine Alternative suchen. Nach den Flops mit Bachmann, Perry und Cain steht Newt Gingrich hoch im Kurs – der ehemalige Vorsitzende des Repräsentantenhauses, ein Mann mit turbulentem Privatleben, sprunghaftem Gebaren und diversen dunklen Flecken auf der Weste. Und einige hoffen immer noch auf einen «Weissen Ritter», der sie aus dem Elend befreit.

Einer kann derweil dem Treiben der Republikaner in aller Ruhe zuschauen: Barack Obama. Im Gespräch mit Journalisten erklärte der Präsident kürzlich, der von vielen befürchtete Negativ-Wahlkampf mit Angriffen auf den Charakter des Gegners sei eigentlich nicht nötig: «Vielleicht lassen wir einfach nur Clips laufen mit O-Tönen aus den republikanischen Debatten, ohne Kommentar, in einer Endlosschlaufe.» Selbstzerstörung im Akkord sozusagen.

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