Stefanie Marty: Eine Schweizerin ist Europas beste Stürmerin
Aktualisiert

Stefanie MartyEine Schweizerin ist Europas beste Stürmerin

Sie ist die beste Stürmerin ausserhalb Nordamerikas und würde im Männerhockey mehrere Millionen Dollar verdienen. Sie hat die Schweiz im olympischen Turnier auf Rang 5 geschossen. Aber im Fraueneishockey gibts für Stefanie Marty (22) «nur» Schulgeld.

von
Klaus Zaugg
Vancouver
Stefanie Marty ist die beste europäische Skorerin des olympischen Turniers.

Stefanie Marty ist die beste europäische Skorerin des olympischen Turniers.

In der Skorerliste des olympischen Turniers steht unter den Top 15 nur eine Europäerin: Die Schweizerin Stefanie Marty mit 9 Toren und 2 Assists aus fünf Spielen - und zwar auf der hervorragenden Position 3. Im Spiel um Platz fünf erzielte sie letzte Nacht beim 2:1 n.P. gegen Russland den Ausgleich zum 1:1 und versenkte im Penaltyschiessen (nach einer Verlängerung von zehn Minuten) den entscheidenden Puck. Die Schweizerinnen gewannen das Penaltyschiessen ebenfalls mit 2:1.

Freude mit Wehmut vermischt

So erfreulich der fünfte Platz für die Schweizerinnen ist, so wehmütig stimmt einem aber die Analyse ihres gesamten Turniers: Durch die Startniederlage gegen Schweden haben unsere Hockey-Frauen wohl eine historische Chance auf eine Medaille vergeben. Sie scheiterten in diesem ersten Spiel an der Belastung und haben sich im weiteren Verlauf des Turniers als klar besser als die Schwedinnen erwiesen.

Brotlose Kunst

Im Männerhockey wäre Stefanie Marty mit ihrem Leistungsausweis Dollar-Millionärin. Die Antwort auf Mark Streit. Ein Superstar. Aber Frauenhockey ist brotlose Kunst. Geld ist nicht zu verdienen. Aber immerhin ermöglicht es ihr das Eishockey, seit 2007 in den USA zu studieren. Sport ist an den Universitäten in den USA (fast) so wichtig wie Lesen und Schreiben und so bekommen begabte Sportlerinnen immer wieder das Studium bezahlt, wenn sie den sportlichen Ruhm der Universität mehren können. Stefanie Marty studiert an der Universität in Syracuse Finanzwissenschaften: «Ich muss allerdings bei meiner Rückkehr in die Schweiz erst einmal sehen, was sich aus meinem Studium machen lässt», sagt sie.

In der Männermannschaft der Schweizer stehen mit Mark Streit, Jonas Hiller, Yannick Weber, Luca Sbisa und Andres Ambühl fünf Spieler, die in Nordamerika ihr Geld verdienen. Die Frauen sind nicht viel weniger international. Stefanie und Julia Marty, Florence Schelling (sie ist die weibliche Antwort auf Jonas Hiller) und Lucrèce Nussbaum sind im US-Universitätshockey engagiert. Darcia Leimgruber hatte vor ihrem Wechsel zu Langenthal in der Weihnachtspause ebenfalls in Nordamerika gespielt.

Eine abenteuerliche Weiterbildung

Für die Männer kann das Amerika-Abenteuer Wohlstand bringen. Jonas Hiller hat vor Kurzem einen mit 4,5 Millionen Dollar dotierten Vertrag bei Anaheim unterschrieben. Für die Frauen ist ein Gastspiel in Amerika etwas ähnliches wie früher in der Schweiz das «Welschlandjahr»: Eine Möglichkeit zur Weiterbildung, oft begleitet mit Heimweh. Stefanie Marty studierte zuerst an der gleichen Universität wie ihre Zwillingsschwester Julia (sie gehört zu den besten Verteidigerinnen des Nationalteams). «Wir hatten am Anfang schon etwas Heimweh und weil wir nicht mehr an der gleichen Universität spielen, telefonieren wir halt oft.» Auch ein abgeschlossenes Studium in Nordamerika ist bei der Rückkehr nicht automatisch eine Garantie für einen guten Job: Oft werden US-Studienabschlüsse in der Schweiz nicht oder nur teilweise anerkannt.

Die Marty-Zwillinge werden also nicht als reiche, «gemachte» Frauen aus Amerika zurückkehren. Aber zumindest wird Stefanie durch ihr Studium der Finanzwissenschaften etwas von der amerikanische Kunst des Geldverdienens verstehen. Und an diesen Olympischen Spielen steht sie zum einzigen Mal in ihrer Karriere für eine paar Tage auf Augenhöhe mit den Helden des Männerhockeys: Sie sind Olympische Heldinnen. Weil «Olympics» in Nordamerika noch viel mehr Charisma haben als in Europa, geniessen sie in den US-Universitäten in ihrem sozialen Umfeld durch das Olympische Abenteuer in Vancouver nicht weniger Anerkennung als die NHL-Stars. Und die Männer müssen sich sputen, wenn sie den gleichen Schlussrang wie die Frauen (5.) erreichen wollen.

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