Abgemurkst: Eine Seifenoper namens «Assassin's Creed: Unity»

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AbgemurkstEine Seifenoper namens «Assassin's Creed: Unity»

«Assassin's Creed: Unity» entführt ins Paris der Französischen Revolution. Und enthauptet sich wegen des unfertigen Charakters selbst, findet unser Gamejournalist.

von
Jan Graber

Bevor Sie, liebe Leser und «Assassin's Creed»-Fans, gleich zur spitzen Feder greifen, um die Kommentarspalten zu füllen und die Absetzung des inkompetenten Gamejournalisten zu fordern, dies vorneweg: Ich bin ein Bewunderer der «Assassin's Creed»-Spiele. Als 2007 das erste Action-Adventure um den Assassinen Altaïr Ibn-La'Ahad erschien und mich in die mittelalterliche Welt der Levante mitnahm, blieb mir die Spucke weg: Nie zuvor führte mir ein Game Geschichte grafisch und inhaltlich so akribisch vor Augen.

Auch wenn nicht restlos alle historischen Fakten darin stimmten: «Assassin's Creed» setzte Massstäbe, was Detailverliebtheit und eindrückliches Leveldesign betraf. Dies setzte sich in den folgenden Spielen fort: «Assassin's Creed II» brachte uns in der Haut von Ezio Auditore da Firenze das Florenz des 15. Jahrhunderts näher und «Assassin's Creed III» liess uns das blutjunge Amerika durch die Augen des Halbbluts Ratonhnhaké:ton sehen.

Sittenbild und Telenovela

Nun ist «Assassin's Creed: Unity» erschienen. Spieler tauchen ein ins Paris kurz vor der Revolution. In der Robe des jungen Assassinen Arno Dorian erlebt der Spieler ein kaputtes und korruptes Paris, wo die normale Bevölkerung unter Hunger und Armut leidet, während der arrogante Adel dekadent im Luxus schwelgt.

Die Entwickler schaffen ein eindrückliches Sittengemälde vollgepackt mit Geschichte und Informationen über die Protagonisten und Gebäude dieser Zeit. Steigt der Assassine auf den höchsten Punkt eines Quartiers, um den Überblick zu gewinnen, breitet sich unter ihm eine atemberaubende Stadtlandschaft aus. Die Figuren tragen die Kleidung dieser Zeit, der Spieler riecht beinahe, wie es in den engen Gassen stinkt.

Der Rest des Spiels aber gleicht einer Seifenoper: Erzählt wird die abstruse Story eines liebeskranken Arno Dorian im Stil einer dramatisch aufgeladenen, doch ultrakitschigen Telenovela. Die Geschichte wird so unzusammenhängend erzählt, dass sich Gamer mit Sinn für Logik verwundert am Kopf kratzen. So beherrscht der Held beispielsweise den «Leap of Faith» von der Kirchturmspitze in einen Heuhaufen zwar zu Beginn des Spiels, schreckt aber wenig später davor zurück, als ein älterer Assassine den Todessprung von ihm verlangt. Bisweilen wirkt die Geschichte so dilettantisch wie von Schülerhand geschrieben, und meistens mangelt es dem Helden an Glaubwürdigkeit.

Dem Spielspass den Garaus gemacht

Keine Freude bereitet auch die Steuerung: Bereits die früheren «Assassin's Creed»-Games standen bisweilen auf Kriegsfuss mit der Bewegungskontrolle. Den jüngsten Helden über die Dächer von Paris zu jagen endet aber oft in einem unkoordinierten Stolpern und lässt die Lust an den früher coolsten Sequenzen kläglich abstürzen. Kämpfe gegen Feinde entwickeln sich zudem oft zu einem Krieg gegen das Gamepad.

Am meisten enttäuscht aber die fehlende Freiheit: Das als Open-World-Abenteuer angelegte Spiel nimmt dem Spieler das Heft weitgehend aus der Hand. Die Missionen wirken vorgefertigt, oft gibt es nichts zu tun, als genau einen Knopf zu drücken, um die Story weiterlaufen zu lassen. «Assassin's Creed: Unity» gaukelt an diesen Stellen eine Spielhandlung vor, die keine ist und zu nichts dient.

Kurz: Mit diesem «Assassin's Creed» haben die Entwickler sich und den Fans keinen Gefallen getan. So spannend die geschichtlichen Aspekte wären: Das Game wirkt unfertig, die Ausführung stellenweise lieblos. Dem Spielspass wird auf dem Schafott schlechter Gamedesigns der Kopf abgeschlagen.

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