Aktualisiert 10.08.2017 09:59

Islam«Eine solche Moschee wäre ein Novum»

Ein Verein plant eine Moschee, die Frauen und Homosexuelle willkommen heisst. Die islamischen Verbände schlagen die Tür nicht zu.

von
D. Pomper
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Der Verein «Al-Rahmen – mit Vernunft und Hingabe» mit Sitz in Zürich plant eine «vernunftorientierte, koranzentrierte Moschee». Mitbegründer Kerem Adigüzel sagt: «Wir wollen radikalen Strömungen die Stirn bieten.»

Der Verein «Al-Rahmen – mit Vernunft und Hingabe» mit Sitz in Zürich plant eine «vernunftorientierte, koranzentrierte Moschee». Mitbegründer Kerem Adigüzel sagt: «Wir wollen radikalen Strömungen die Stirn bieten.»

«Ich traue mich nicht mehr allein aus dem Haus», sagte Seyran Ates zum «Tagesspiegel». Die türkische Anwältin hat im Juni in Berlin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegründet, die Schiiten, Sunniten, Aleviten, Homosexuelle, und Andersgläubigen offen steht. Frauen müssen beim Gebet kein Kopftuch tragen und können als Vorbeterin auftreten.

«Ich traue mich nicht mehr allein aus dem Haus», sagte Seyran Ates zum «Tagesspiegel». Die türkische Anwältin hat im Juni in Berlin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegründet, die Schiiten, Sunniten, Aleviten, Homosexuelle, und Andersgläubigen offen steht. Frauen müssen beim Gebet kein Kopftuch tragen und können als Vorbeterin auftreten.

AP/Michael Sohn
Laut den den Vereinsstatuten, vertritt der neue Verein in der Schweiz «kritisches und vernünftiges Denken» und hat unter anderem zum Ziel «die Unterdrückung von Frauen durch patriarchalische, frauenfeindliche Lehren» aufzuheben. Gebets- und Umgangssprache soll Deutsch sein.

Laut den den Vereinsstatuten, vertritt der neue Verein in der Schweiz «kritisches und vernünftiges Denken» und hat unter anderem zum Ziel «die Unterdrückung von Frauen durch patriarchalische, frauenfeindliche Lehren» aufzuheben. Gebets- und Umgangssprache soll Deutsch sein.

Keystone/Peter Klaunzer

Ein Verein in der Schweiz plant eine fortschrittliche Moschee, die allen offen steht: Sunniten, Schiiten, Frauen und Männern, Hetero- und Homosexuellen, berichtet der «Landbote». Gebets- und Umgangssprache soll Deutsch sein. Hinter dem Verein steckt eine 15-köpfige Gruppe, die sich «Gottergebene» nennt, was die deutsche Übersetzung für Muslim ist. «Wir wollen radikalen Strömungen die Stirn bieten», sagt einer der Mitbegründer, Kerem Adigüzel.

Was halten die grossen muslimischen Verbände davon, dass es in der Schweiz bald eine Moschee geben soll, in der Homosexuelle willkommen sind und Frauen und Männer im gleichen Raum beten sollen? «Solange die Homosexualität sich auf eine Beziehung unter Erwachsenen beschränkt und nicht als Vorbild für Jugendliche dargestellt wird, sehe ich kein Problem», sagt Farhad Afshar, Präsident der Koordinationsstelle Islamischer Organisationen Schweiz Kios.

«Jeder darf eine Moschee gründen»

Zur Frage, zum gleichgeschlechtlichen Beten, sagt Afshar: «Das ist eine Selbstverständlichkeit – wenn die Raumverhältnisse beschränkt sind oder die Moschee nur aus einem Raum besteht wie bei der Pilgerstätte der Kaaba in Mekka.» Es stehe jedem frei, eine Moschee zu gründen. Dass die Gründer der Moschee so unter Beschuss geraten könnten wie in Deutschland, bezweifelt Afshar: «Das Aggressionspotenzial ist in der Schweiz viel geringer als in den Nachbarländern.»

Bei der Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz FIDS heisst es: «Jeder, der will, kann ein Gotteshaus eröffnen. Wer sich damit identifizieren kann, soll es besuchen. In der Schweiz kann jeder seine Überzeugung frei leben», so Önder Güne. Die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich VIOZ war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

«Es braucht Mut, sich dem Mainstream-Islam zu widersetzen»

Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam unterstützt Kerem Adigüzel bei seinem Vorhaben. «Dass Frauen und Männer gemeinsam im gleichen Raum beten könnten und Homosexuelle ausdrücklich in einer Moschee willkommen geheissen würden, wäre in der Schweiz ein Novum.» Die Moschee könnte eine echte Alternative für säkulare Muslime in der Schweiz sein, die ihre Spiritualität klar abgegrenzt vom politischen Islam praktizieren möchten. Immerhin besuchten 85 Prozent der Muslime in der Schweiz keine Moscheen, auch weil sie sich mit den bestehenden Moscheen nicht identifizieren können.

Als Mitgesellschafterin der neuen Moschee in Berlin weiss Keller-Messahli aber auch, was ein solcher Schritt bedeuten könnte: «Wir haben uns so viel Ärger eingefahren und Gewaltdrohungen erhalten. Das Haus der Fatwas in Ägypten hat eine Fatwa gegen uns ausgesprochen, die Gewalt gegen uns legitimiert. Die Türkei unterstellt uns, wir seien Gülen-Anhänger. Es braucht viel Mut, wenn man sich dem Mainstream-Islam widersetzen will.» Die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee wurde im Juni in Berlin gegründet. Sie steht Schiiten, Sunniten, Aleviten, Homosexuellen, und Andersgläubigen offen. Frauen müssen beim Gebet kein Kopftuch tragen und können als Vorbeterin auftreten.

Mildere Reaktionen in der Schweiz

In der Schweiz allerdings dürften die Reaktionen laut Keller-Messahli auf eine fortschrittliche Moschee milder ausfallen: «Erstens ist Kerem Adigüzel ein Mann und im Vergleich zu Seyran Ates ein unbeschriebenes Blatt.» Zudem sei die islamische Szene in der Schweiz viel kleiner als in Deutschland. Hierzulande mischten zwar auch ausländische Religionsfunktionäre mit, doch die Situation sei zum Glück weniger aufgeheizt als in Deutschland.

Offene Kritik übt allerdings der umstrittene Islamische Zentralrat der Schweiz IZRS: «Es steht jedem frei, in der Schweiz eine Sekte zu gründen», sagt Generalsekretärin Ferah Ulucay. Man reagiere gelassen: «In Berlin blieben die Freitagsgebete nach dem Medienrummel schnell leer. «Wer den normativen Islam derart verlässt, wird kein Publikum finden.» Praktizierte Homosexualität sei im Islam verboten.

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