Überlastung der Infrastruktur – «Mehr mag es nicht mehr leiden»
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Vertrauensverlust in den Staat?Corona überlastet ÖV und Polizei – «Situation, die wir noch nie hatten»

Busse und Polizisten fallen aus, Spitäler sind am Anschlag. Ein Soziologe benennt die negativen Folgen einer solchen Situation. Man müsse da hinausfinden.

von
Claudia Blumer
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Stadtbus Winterthur auf Sparflamme: Bis Ende Monat gilt der Sommerferien-Fahrplan mit reduziertem Takt und eingestellter Linie.

Stadtbus Winterthur auf Sparflamme: Bis Ende Monat gilt der Sommerferien-Fahrplan mit reduziertem Takt und eingestellter Linie.

Enzo Lopardo
Man habe diesen Schritt mit allen Mitteln zu verhindern versucht, sagt Stadtrat Stefan Fritschi (FDP), Vorsteher der Technischen Betriebe. «Es ist schon eine sehr spezielle Notsituation.»

Man habe diesen Schritt mit allen Mitteln zu verhindern versucht, sagt Stadtrat Stefan Fritschi (FDP), Vorsteher der Technischen Betriebe. «Es ist schon eine sehr spezielle Notsituation.»

Tamedia
Unter anderem versuchte man in Winterthur, Personal von anderen Verkehrsbetrieben zu bekommen, doch diese haben ebenfalls Personalmangel.

Unter anderem versuchte man in Winterthur, Personal von anderen Verkehrsbetrieben zu bekommen, doch diese haben ebenfalls Personalmangel.

Enzo Lopardo

Darum gehts

  • Infrastrukturbetriebe sind überlastet: Spitäler, Verkehrsbetriebe, Polizei.

  • In Winterthur musste der städtische Busbetrieb auf den Sommerferien-Fahrplan umstellen. An so etwas könne er sich nicht erinnern, sagt Departementsvorsteher Stefan Fritschi.

  • Soziologen beurteilen die Situation unterschiedlich. Diese Situation bringe Risiken mit sich, sagt Joël Berger von der Universität Bern.

  • Katja Rost von der Universität Zürich bezeichnet die Bevölkerung nach zwei Jahren Pandemie als dünnhäutig. So erscheine auch ein organisatorisches Problem wie ein Personalmangel als schlimm.

Auf den Intensivstationen der Zürcher Spitäler gibt es kaum mehr freie Betten. Und der Verband der Pflegenden schlägt Alarm: Die Gesundheitsversorgung in der Deutschschweiz sei gefährdet, heisst es in einem Communiqué, und wenn nicht schnell massive und wirksame Massnahmen beschlossen würden, müssten Ärzte Triage-Entscheidungen fällen. «Das heisst, Menschen, die einen Intensivpflegeplatz brauchen, werden diesen nicht erhalten und (möglicherweise) sterben.»

Auch andere Infrastrukturbetriebe sind wegen Corona am Anschlag. So teilte Stadtbus Winterthur mit, dass der Busbetrieb bis Ende Jahr reduziert werden müsse. Die personelle Situation im Fahrdienst habe sich unter anderem wegen Corona-Ausfällen dramatisch zugespitzt. Derzeit gilt in Winterthur der Sommerferien-Fahrplan mit reduziertem Takt und einer eingestellten Linie. «Eine Situation, die wir noch nie hatten - beziehungsweise kann sich niemand von uns an einen vergleichbaren Fall erinnern», sagt Stefan Fritschi, Vorsteher Technische Betriebe der Stadt Winterthur.

«Eine sehr spezielle Notsituation»

Auch die Polizei gerät teilweise an ihre Grenzen, wie das Beispiel aus Baselland zeigt. Einige Polizeiposten mussten geschlossen werden, wie schon zu Beginn der Pandemie. Grund dafür ist die angespannte Situation mit Einbruchdiebstählen, es sind aber auch Kontrollen aufgrund der Covid-Massnahmen sowie ausserkantonale Polizeieinsätze bei Demonstrationen. Bei der Polizei in Basel-Stadt und Luzern klingt es ähnlich. Sie berichtet von einer ausserordentlichen Arbeitsbelastung.

Bei Stadtbus Winterthur ist Corona der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, wie Stadtrat Stefan Fritschi sagt. Denn von 31 Krankheitsfällen, die Stadtbus Winterthur derzeit bei rund 300 Mitarbeitenden zählt, sind nur fünf wegen Covid zuhause. Hinzu kämen die saisonale Grippe sowie weitere Krankheitsausfälle.

Den Busbetrieb reduzieren zu müssen, habe man mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Man habe bei anderen Busbetrieben um Personalaustausch gebeten, was aber nicht möglich war, weil sie selber am Anschlag sind. So etwa die SBB, die VBZ oder auch die Verkehrsbetriebe Biel, die kürzlich wegen Personalmangels den Betrieb reduziert haben. «Man löst ja das Problem auch nicht, sondern verschiebt es nur, wenn man Personal von anderswo holt», sagt Fritschi. Er habe ebenfalls die Regelung aufgehoben, wonach pensionierte Mitarbeitende höchstens zu 40 Prozent angestellt sein dürfen. Trotz all dieser Massnahmen habe man die Umstellung auf den Sommerferien-Fahrplan nicht verhindern können. «Doch wir hatten keine andere Wahl. Mehr mag es nicht mehr leiden. Das ist schon eine sehr spezielle Notsituation.»

Gewisses Gewalt- und Konfliktpotenzial

Eine solche Situation bringe gewisse Risiken mit sich, sagt Joël Berger, Soziologe an der Universität Bern. Die Folgen könnten ein Vertrauensverlust von Bürgern und Bürgerinnen in den Staat oder von Bürgerinnen und Bürgern untereinander sein. Man wisse das aus Untersuchungen, dass in wohlhabenden, funktionalen Staaten das Vertrauen gross sei, in so genannten Failed States hingegen gering. Auch berge die Überlastung der Infrastruktur ein gewisses Gewalt- und Konfliktpotenzial.

«Mittelfristig muss man einen Weg herausfinden aus dieser Situation», sagt Berger. Das sei jedoch schwierig aufgrund der tiefen Impfquote, weshalb man sich vielleicht eine Impfpflicht überlegen müsse, um die Infrastruktur zu entlasten. Eine solche Impfpflicht allerdings berge wiederum das Risiko einer verstärkten gesellschaftlichen Polarisierung.

Laut Soziologin Katja Rost von der Universität Zürich werden die Infrastrukturprobleme im Kontext der Pandemie als schlimm wahrgenommen. «Wir sind dünnhäutig geworden», sagt sie. Nach bald zwei Jahren Pandemie seien nun erneut Einschränkungen zu erwarten - da erscheine auch ein personeller Engpass bei Busbetrieben gravierend. Die Leute seien resigniert, entmutigt, unzufrieden und teilweise auch einsam und isoliert. Dabei seien solche personellen Engpässe mehr ein organisatorisches Problem, das auch während gewissen saisonalen Krankheitsperioden oder in Ferienzeiten vorkommen könne.

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