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Gewalt in MexikoEine Stadt am Rande des Abgrunds

Drogenkampf, Gewaltexzess und Ausgrenzung haben einen Namen: Ciudad Juárez. Der Ort im Norden Mexikos ist zum Todesstreifen im Grenzgebiet zwischen abgestecktem Drogenclaim und der globalen Nord-Süd-Barriere geworden.

von
Karin Leuthold

Ende vergangener Woche wurde der Leichnam eines flüchtigen US-Polizisten an der Grenze zu den USA in einem Kanal entdeckt. Er war mit einem Schuss in den Hinterkopf hingerichtet worden. Er ist nur einer von 1600 Menschen, die im Krieg der Drogenkartelle allein in Ciudad Juárez im vergangenen Jahr getötet worden sind. Insgesamt kamen Medienberichten zufolge seit Beginn der Amtszeit des Präsidenten Felipe Calderón im Dezember 2006 rund 10 000 Menschen gewaltsam ums Leben.

Die Regierung Mexikos hatte wegen der steigenden Gewalt erst kürzlich Tausende Soldaten in die besonders betroffene Grenzstadt Ciudad Juárez geschickt. Sie sollten die Kartelle bekämpfen und die Sicherheit in der Stadt wiederherstellen. Doch der Effekt war genau das Gegenteil: Durch den Stich ins Wespennest hat die Anzahl der Morde im Zusammenhang mit dem Drogenhandel sogar noch zugenommen.

Eine desolate Stadt

Ciudad Juárez ist einer der wichtigsten Übergänge an der über 3000 Kilometer langen Grenze zwischen Mexiko und den USA. Mit etwa zwei Millionen Einwohnern ist die Stadt eine riesige Ansammlung von Billigarbeitskräften, die in den «maquilas», Fabriken internationaler Konzerne, arbeiten. In den «maquilas» wird Ware angefertigt, die anschliessend über die nahegelegene Grenze in die USA exportiert wird – dank dem Beitritt Mexikos zur nordamerikanischen Freihandelszone Nafta 1994.

Die Grenzstadt ist ein «Spiegel» dieser speziellen Arbeitssituation: Gesetzlos und desolat, ein Drogenumschlagsplatz, ein Gewimmel von Schmugglern, Schleppern und Prostitution. Die politischen Verantwortlichen bieten ihren Einwohnern kaum menschenwürdige Lebensumstände. Es gibt weder eine kommunale Wasserversorgung noch ein Abwassersystem. Die Strassen haben keine Trottoirs und erst recht keine Strassenbeleuchtung. Kindergärten gibt es kaum welche, was vor allem alleinerziehende Mütter vor grosse Probleme stellt.

Die Frauenmorde von Ciudad Juárez

Doch in den letzten Jahren gelangte die nordmexikanische Metropole nicht nur wegen des Drogenkriegs, sondern vor allem wegen der Frauenmorde zu trauriger Berühmtheit. Laut Amnesty International wurden bis Februar 2005 mehr als 370 Frauenleichen gefunden. Über 600 Mädchen gelten als vermisst. Sie waren zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 13 und 25 Jahre alt. Bei den meisten konnte sexueller Missbrauch festgestellt werden.

Den Ermittlungsbehörden wird seit Jahren Korruption vorgeworfen: In über elf Jahren konnte die Mordserie nicht gestoppt werden. Gefasste Täter kommen nach einer kurzen Haftstrafe auf freien Fuss – ein weiteres Indiz für die Korruption im mexikanischen Justizwesen.

Familienangehörige der Opfer klagen, dass sie von den Politikern nicht ernst genommen werden und keine oder sogar falsche Auskünfte über den Ermittlungsstand erhalten. Sie tun sich in Organisationen wie «Nuestras Hijas de Regreso a Casa» (zu deutsch «Unsere Töchter sollen nach Hause zurückkommen») zusammen. Ihre Aufgabe ist es, die nationale und internationale Öffentlichkeit auf die Missstände aufmerksam zu machen.

Von den Behörden werden diese Organisationen bedroht und angefeindet. Doch aufgrund ihrer Öffentlichkeitsarbeit entstanden in den letzten Jahren diverse Dokumentationen, ein Spielfilm und sogar mehrere Songs. Die Morde dürften aber weiter ungeklärt bleiben und die Schuldigen somit unbestraft.

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