Zugunfall Daillens : «Eine tickende Zeitbombe durchquerte die Schweiz»

Aktualisiert

Zugunfall Daillens «Eine tickende Zeitbombe durchquerte die Schweiz»

Die SBB hat eine gefährliche Substanz in einem ungeeigneten Wagen transportiert. Dies hätte laut Kritikern äusserst gefährlich werden können.

von
phi
1 / 24
Am 29. April wurden erste Details zum Zugunglück bekannt.

Am 29. April wurden erste Details zum Zugunglück bekannt.

Keystone/Laurent Gillieron
So soll der Zug mit einer «normalen Geschwindigkeit» von 100 km/h unterwegs gewesen sein.

So soll der Zug mit einer «normalen Geschwindigkeit» von 100 km/h unterwegs gewesen sein.

Keystone/Laurent Gillieron
Zudem fand man neben dem Bahntrassee Rollmaterial-Teile.

Zudem fand man neben dem Bahntrassee Rollmaterial-Teile.

Keystone/Laurent Gillieron

Am 25. April kippte bei einem Zugunfall in Daillens (VD) ein Güterwagen um, in dem sich Salzsäure befand. Nach dem Unfall wurden die 50 Tonnen Säure in einen Tankwagen aus gewöhnlichem Stahl abgepumpt und mit einem Zwischenhalt in Monthey (VS) nach Schweizerhalle (BL) transportiert.

Als der Wagen in Schweizerhallen ankam, musste die Chemiewehr der Feuerwehr ausrücken, weil am Tankwagen Rauch festgestellt wurde.

«Rollende Zeitbombe»

Dies stösst bei den Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) für scharfe Kritik. Die Organisation schreibt in einem Medienschreiben gar von einer «rollenden, tickenden Zeitbombe», die durch die Schweiz gefahren sei. Salzsäure würde nämlich normalen Stahl zerfressen. Zudem würde durch die chemische Reaktion der Salzsäure mit dem Metall explosiver Wasserstoff entstehen. Deshalb hätte ein spezieller Wagen mit Innenbeschichtung eingesetzt werden sollen.

Salzsäure im Haushalt

Ein Chemieprofessor der Universität Bern relativiert allerdings: «Bis vor etwa 30 Jahren benutzten Hausfrauen Salzsäure im Haushalt, ohne besondere Sicherheitsvorschriften zu berücksichtigen.» Ausserdem sei eine Explosion eher unwahrscheinlich: «Dafür müssten verschiedene Faktoren zusammenspielen.» Zum Beispiel müsste sich im Innern ein Druck aufbauen, weil die Salzsäure mit dem Metall zu Wasserstoff reagieren könnte.

Auch die Austretenden Dämpfe seien nicht weiter schlimm: «Die Säure hat sich vermutlich erhitzt infolge einer Reaktion mit dem Metall.» Die Chemiewehr habe wahrscheinlich den Wagen mit Wasser etwas abspülen oder letztlich reinigen müssen.

Abklärungen laufen

Hans Vogt, Leiter Sicherheit und Qualität der SBB schrieb in einer Stellungnahme, es sei nicht akzeptabel, dass Gefahrengut in einem unzweckmässigen Kesselwagen transportiert wird.

Ein Kesselwagen sei zwar dafür geeignet, für kurze Zeit den Transport vom Schadenplatz aufzunehmen, müsse aber je nach Inhalt rasch wieder geleert werden, da er nicht über eine Innenbeschichtung verfüge. Warum die gefährliche Substanz in Monthey nicht umgepumpt wurde, oder bereits auf dem Schadenplatz in Daillens in einen Wagen mit Innenbeschichtung geladen wurde, werde derzeit noch abgeklärt.

(phi/sda)

Deine Meinung