Brasilien: «Eine Tragödie mit Ansage»
Aktualisiert

Brasilien«Eine Tragödie mit Ansage»

Ein Erdrutsch im Raum Rio hat ein ganzes Slumviertel, das auf einer Müllhalde stand, mitgerissen. Bis zu 200 Tote sind darunter begraben worden. Sie hatten keine Chance.

von
Bradley Brooks
AP
Leichen werden aus dem Slum Morro do Bumba getragen.

Leichen werden aus dem Slum Morro do Bumba getragen.

Weg, alles weg. Die Kirche, in der Gläubige beteten. Der Kinderhort, wo Jungen und Mädchen spielten. Die Pizzeria, in der eine Familie zu Abend ass. Alles weg, begraben unter einem Berg von Schlamm und Müll und Steinen. Ein weiterer Erdrutsch nach tagelangem Regen im Grossraum Rio de Janeiro hat eine Schneise der Verwüstung durch das Elendsviertel Morro Bumba geschlagen und bis zu 60 Häuser und 200 Menschen mitgerissen. Nichts ist geblieben als ein Kraterloch mit schwarzer, nasser Erde und ein paar Trümmerbrocken.

«Ich hatte gerade meinen zehnjährigen Sohn vom Kinderhort abgeholt. Wir gingen den Abhang hinunter zur Strasse, und innerhalb von zehn Minuten brach meine ganze Nachbarschaft zusammen», erinnert sich Patricia Faria an Mittwochabend. Weinend sieht die 28-Jährige zu, wie Bagger die Überreste ihres Lebens auf einen Lastwagen schaufeln. «Mir ist nur das geblieben, was ich am Leibe habe - und mein Sohn. Gott sei Dank habe ich noch meinen Sohn.»

Katastrophe für Menschen und Umwelt

Sergio Cortes vom Gesundheitsministerium des Bundesstaates Rio vermag nur schwer zu sagen, wie viele Menschen bei diesem Erdrutsch in Morro Bumba in Niterói, der 500 000 Einwohner zählenden Schwesterstadt Rios, verschüttet wurden. «Im schlimmsten Fall 200», schätzt er. «Wir wissen, dass ungefähr 60 Häuser begraben wurden.»

Bislang sind bereits 161 Tote als Folge der Unwetter und Erdrutsche seit Montag bestätigt; die meisten von ihnen starben in Schlammlawinen in den Armenvierteln an den steilen Hängen rund um Rio. «Das war eine Katastrophe, keine Frage», sagt Gouverneur Sergio Cabral. «Es war eine menschliche Katastrophe. Es war eine Umweltkatastrophe.» Die Zahl der Opfer geht jetzt schon über die von 2008 hinaus, als im Bundesstaat Santa Catarina bei Überschwemmungen und Erdrutschen fast 130 Menschen starben und 80 000 obdachlos wurden.

Instabiler Untergrund auf alter Deponie

Faria ist sicher, dass Menschen verschüttet wurden, als die Kirche von Morro Bumba während des Abendgottesdienstes weggerissen wurde. Clesio Araujo ist gerade so davongekommen: Wenige Minuten vor dem Erdrutsch hatte der 39-Jährige die Pizzeria verlassen. Als er ging, hielt sich eine Familie noch in dem Lokal auf. Jetzt türmen sich die Haufen von Schlamm und Müll zwölf Meter hoch.

Das Ausmass der Zerstörung ist besonders gross, weil der Slum auf einer alten Mülldeponie entstand. Daher ist der Untergrund besonders instabil und weicht bei heftigem Regen leicht auf, wie Agostinho Guerreiro vom Ingenieur- und Architektenverband erklärt. «Das ist ein sehr instabiler Boden. Der konnte nicht halten. Die Häuser sind weggebrochen und haben die unterhalb gelegenen zerstört», sagte Guerreiro dem Fernsehsender Globo. «Das war eine Tragödie mit Ansage.»

«Wenn du kein Geld hast, hast du keine Wahl»

Die brasilianische Regierung hat dem Bundesstaat Rio umgerechnet rund 86 Millionen Euro Nothilfe zugesagt. Doch das Geld werde den Leuten kaum helfen, die keine andere Wahl hätten, als in so gefährlichen Gegenden zu leben, sagt Rosana Fernandes. Die Schwester, der Schwager und zwei kleine Nichten der 43-Jährigen liegen unter dem Schlamm begraben. Unter Tränen versucht sie zu erklären, warum Menschen sich ausgerechnet auf einer Deponie mit dem Müll von Jahrzehnten ansiedeln. «Ja, das war eine Halde. Aber die Leute suchen verzweifelt nach einem Platz zum Wohnen», sagt sie. «Was hätten sie denn sonst machen sollen? Wohin hätten sie denn gehen sollen? Das ist unsere Wirklichkeit. Sie kannten die Gefahr, aber wenn du kein Geld hast, hast du keine Wahl.»

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