Aktualisiert 31.07.2019 12:19

Belfast, Nordirland

Eine traumatisierte Stadt rappelt sich auf

Belfast gilt als trendige Reisedestination und ist bemüht, seine blutige Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch so recht will das noch nicht gelingen.

von
Laura Hüttenmoser
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Belfast ist die Hauptstadt von Nordirland, das zum Vereinigten Königreich gehört (im Gegensatz zu Irland). Die Stadt hat in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung erlebt.

Belfast ist die Hauptstadt von Nordirland, das zum Vereinigten Königreich gehört (im Gegensatz zu Irland). Die Stadt hat in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung erlebt.

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Bis vor 10 Jahren gab es praktisch keinen Tourismus in Belfast.

Bis vor 10 Jahren gab es praktisch keinen Tourismus in Belfast.

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Mittlerweile ist hat sich die Metropole zu einem gefragten Reiseziel entwickelt. In den letzten fünf Jahren schossen Hotels wie Pilze aus dem Boden. Hier eröffnet in Kürze das George-Best-Hotel, das nach dem verstorbenen Fussballer und Sohn der Stadt benannt ist.

Mittlerweile ist hat sich die Metropole zu einem gefragten Reiseziel entwickelt. In den letzten fünf Jahren schossen Hotels wie Pilze aus dem Boden. Hier eröffnet in Kürze das George-Best-Hotel, das nach dem verstorbenen Fussballer und Sohn der Stadt benannt ist.

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Samstagabend in Belfast, vor den Pubs bilden sich grosse Menschentrauben, jeder ist ausgelassen und aufgedreht, denn für einmal scheint die Sonne und es ist 22 Grad warm – Hochsommer in Nordirland! Meine Kollegin und ich sind ebenfalls in munterer Laune. Wir kommen vom Belfast Gin Festival, wo wir lokale Ginsorten degustiert haben. Der Event fand an einem Ort statt, an dem man für gewöhnlich keinen Alkohol ausgeschenkt bekommt, einer ehemaligen Kirche. «Gotta love the Irish» – ein Satz, den wir an diesem Wochenende noch einige Male sagen werden.

Warm ums Herz

Der Abend führt uns Richtung Cathedral Quarter, früher das ärmste Viertel der Stadt und eine No-go-Area, heute ein angesagtes Ausgehviertel mit vielen Pubs, fancy Bars und modernen Restaurants. Und doch wirkt es nicht so aufgeräumt und austauschbar wie andere hippe Viertel dieser Welt. Belfast besitzt den rauen Charme einer Industriestadt, Kopfsteinpflaster und Backsteinhäuser prägen das Strassenbild, Souvernirshops oder Restaurantketten fehlen.

Wir kehren irgendwo ein und sind sofort hingerissen von der Wohligkeit, wie sie nur in britischen Kneipen herrscht. Die Wände sind lückenlos behangen mit Pub-Spiegeln und Vintage-Werbeschildern, altersmässig steht vom Teenie zum Rentner alles am Tresen, lautes Gelächter, ein dummer Spruch jagt den nächsten. Es fühlt sich so gemütlich an wie ein Winterabend am Cheminée, die gängige Anrede lautet «love». Dieser aufrichtigen Wärme und Herzlichkeit der Menschen begegnet man überall auf der irischen Insel. Gepaart mit ihrem schwarzen Humor, kann man nicht anders, als jeden sofort ins Herz zu schliessen.

Belfast und die «Troubles»

Belfast ist «up and coming» und hat sich zu einem der trendigsten Reiseziele Europas gemausert. Wer die Stadt besucht, kommt nicht umhin, sich mit ihrer bewegten Geschichte zu befassen. Der Nordirlandkonflikt («The Troubles») beherrschte Nordirland fast bis zur Jahrtausendwende. Rund 3500 Menschen starben in den 30 Jahren infolge der Gewalt, Belfast war einer der Hauptschauplätze.

Noch heute erinnern die hohen «Friedensmauern» an den Konflikt und trennen die Wohngebiete katholischer und protestantischer Bewohner, auf beiden Seiten mit Propaganda bemalt. Viele Belfast-Touristen wollen sie sich ansehen, doch hat dieses Interesse auch einen bitteren Beigeschmack. Wo hört die wichtige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Stadt auf und wo beginnt ein oberflächlicher, sensationsgeiler Konflikttourismus?

«Wir wollen nicht, dass uns der Bürgerkrieg definiert»

Mit unserem Guide Tim schauen wir uns Wandmalereien an, allerdings nicht entlang der Friedensmauer, sondern im Cathedral Quarter. «Wir wollen nicht, dass uns der Bürgerkrieg derart definiert», sagt der Künstler. «Ausserdem sind die Malereien auf den ‹Peace Walls› aus künstlerischer Sicht uninteressant. Es sind nur Männer mit Waffen.» Auf seiner Tour erklärt er den Hintergrund vieler Murals, die technisch herausragend sind und nichts mit Politik zu tun haben; eine Strassenszene in Tokio, ein Hummer-Koch.

Wir kommen an der Sunflower Bar vorbei und müssen schmunzeln. «No Topless Bathing. Ulster has suffered enough» steht auf einem Schild an der Mauer. Sofort fällt jedoch auch ein Käfig beim Eingang des Pubs auf. Es handelt sich um ein Relikt aus den 80er-Jahren. Die Betreiber liessen ihn nach einer Schiesserei bauen, um die Besucher vor dem Einlass zu kontrollieren.

Erinnerungen an jeder Ecke

An der selben Strassenkreuzung gedenkt ein Mural einer jungen Frau: Lyra McKee. Sie galt als Hoffnung für den nordirischen Journalismus und setzte sich für ein tolerantes und versöhntes Irland ein. Im April fiel sie dem Konflikt selbst zum Opfer. Bei Ausschreitungen in der nordirischen Stadt Londonderry erlitt sie einen tödlichen Kopfschuss von einem Mitglied der «Neuen IRA». Und so endet auch eine vermeintlich unpolitische Stadtführung mit dem Konflikt, auf den man nicht reduziert werden will.

Auseinandersetzen sollte man sich als Tourist mit der Geschichte der Stadt auf jeden Fall – man kommt auch gar nicht daran vorbei – aber man sollte respektieren, dass die Bewohner nicht dauernd zurückschauen wollen, sondern nach vorne. Und sich mit ihnen freuen, dass diese wunderbare Stadt noch viel mehr zu bieten hat.

Anreise

Von der Schweiz gibt es keine Direktflüge nach Belfast. Swiss und Aer Lingus fliegen täglich ab Zürich nach Dublin. Ab dort gelangt man innert zwei Stunden mit dem Bus nach Belfast.

Übernachten

Die beste Aussicht auf Belfast hat man aus den komfortablen, modernen Zimmern des Grand Central Hotels im Herzen der Stadt. Doppelzimmer ab £130/Nacht.

Essen

Der Muddlers Club bietet ein fantastisches Tasting-Menu aus lokalen, saisonalen Zutaten. Viergänger für £45.

Street Art Walking-Tour

Engagierte, lokale Künstler zeigen die beste Street Art von Belfast und erläutern die Hintergründe. Ein toller Weg, um die Stadt kennenzulernen! Jeden Sonntag um 12 Uhr, 2 Stunden, £10.

«Food & Drink»-Tour

Tauche ein in Belfasts spannende Gastroszene auf einer der sechs Touren von «Taste & Tour».

Unterstützung

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Tourism Northern Ireland.

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