500 Jahre Calvin: «Eine unerwartete Bekehrung zur Gelehrsamkeit»
Aktualisiert

500 Jahre Calvin«Eine unerwartete Bekehrung zur Gelehrsamkeit»

Obwohl eigentlich Jurist und nicht Theologe wurde er einer der bedeutendsten Männer der Kirchengeschichte.

von
Stephan Köhnlein (AP)

Seine Lehre wird oft auf Strenge und Enthaltsamkeit reduziert, sie trug nach Ansicht von Soziologen sogar entscheidend zu jenem Arbeitsethos bei, auf dem das Gewinnstreben im Kapitalismus basiert. Die Rede ist vom Reformator Johannes Calvin, dessen Geburtstag sich am 10. Juli zum 500. Mal jährt.

Geboren wurde er als Jean Cauvin in Noyon in Frankreich. Die Mutter erzieht ihn in römisch-katholischer Frömmigkeit. Sie stirbt, als er fünf Jahre alt ist. Sein Vater hatte es aus einfachen Verhältnissen bis zum Generalprokurator des Bischofs von Noyon gebracht. Er sorgt dafür, dass sein Sohn die Lateinschule besucht und am Hausunterricht bei einer adeligen Familie teilnehmen darf.

Im Alter von 14 Jahren geht Cauvin nach Paris und beginnt mit dem Studium der «Sieben freien Künste». Unterdessen gerät sein Vater wegen einer Erbschaftsfrage in heftigen Streit mit seinem Arbeitgeber. Er wird mit dem kleinen Kirchenbann belegt, was den Ausschluss von den Sakramenten bedeutet. Wegen des Streits seines Vaters studiert Calvin nach dem Grundstudium nicht Theologie, sondern Rechtswissenschaften.

Eifriger Student mit einzigartigem Gedächtnis

Er ist ein eifriger Student, der sich grosse Anerkennung bei Professoren und Mitstudenten erwirbt. Im Frühjahr 1531 stirbt sein Vater. Calvin muss miterleben, wie dem Mann, der jahrzehntelang im Dienst der Kirche gestanden hat, wegen des Banns die Totenmesse verweigert wird.

Calvin kommt in Paris mit der reformatorischen Lehre und den Schriften Luthers in Kontakt. Einen Eklat gibt es bei der Antrittsrede seines Freundes Nikolaus Kop als Rektor der Universität, die Calvin und Kop gemeinsam verfassen. Darin bezeichnen sie die Scholastik als Ketzerei und rufen zur Verteidigung der verfolgten Protestanten auf. Unter den Zuhörern brechen Tumulte aus. Beide müssen fliehen, Calvin seilt sich an zusammengebundenen Leinentüchern aus dem Hoffenster ab, während die Verfolger an die Tür klopfen.

«Dem Aberglauben des Papsttums hartnäckig erlegen»

Er geht nach Angoulême, wo er verschiedenen reformatorisch denkenden Persönlichkeiten begegnet. In dieser Zeit wendet er sich auch bewusst der Reformation zu. Calvin beginnt Vorarbeiten für sein zentrales Werk, die «Institutio Christianae religionis» (dt. «Unterweisung in der christlichen Religion»).

Zugleich geht er auf Distanz zur römischen Kirche - auch wenn es ihm schwer fällt: «Zunächst war ich dem Aberglauben des Papsttums so hartnäckig erlegen, dass es nicht leicht war, mich aus diesem Sumpf herauszuziehen. Darum hat Gott mein trotz seiner Jugend schon recht starres Herz durch eine unerwartete Bekehrung zur Gelehrsamkeit gebracht.»

Seriöse Erneuerer des biblischen Glaubens

Im Oktober 1534 tauchen in Frankreich Flugblätter gegen die römische Messe auf. König Franz I. ordnet die Verfolgung der Protestanten an, viele werden auf Scheiterhaufen verbrannt. Calvin muss Frankreich verlassen und geht zunächst ins damals deutsche Strassburg, später nach Basel.

Dort arbeitet Calvin an seiner «Institutio». Es geht ihm auch darum darzulegen, dass seine Glaubensbrüder keine Ketzer und Aufwiegler sind, sondern seriöse Erneuerer des Glaubens und der Kirche. Calvin stellt die erste Version des Werks im August 1535 fertig. Bis 1559 wird die «Institutio» fortlaufend erweitert, wächst zu einem gewaltigen Werk heran.

Zentraler Punkt ist die sogenannte Prädestinationslehre, wonach das Schicksal der Menschen von Geburt an vorbestimmt ist und nur die Erfolgreichen halbwegs sicher sein können, von Gott auserwählt zu sein. In Verbindung mit propagierten Tugenden wie Selbstdisziplin, Fleiss und Sparsamkeit trug Calvins Lehre nach Ansicht von Soziologen entscheidend zur kapitalistisch geprägten Entwicklung Mitteleuropas und Nordamerikas bei.

Luther nie getroffen

Im Mai 1536 will Calvin über Genf nach Strassburg reisen. Doch der reformatorische Prediger Guillaume Farel beschwört ihn, sich in Genf für die Sache der Reformation einzusetzen. So erarbeitet Calvin einen Katechismus und ein Glaubensbekenntnis, auf das alle Genfer schwören sollen. Das stösst jedoch auf heftige Widerstände. 1538 wird Calvin aus Genf verwiesen.

Er geht wieder nach Strassburg, wo er eine biblische Professur innehatte. Er nimmt an Religionsgesprächen in Worms und Regensburg teil, lernt den deutschen Protestantismus und dessen führende Vertreter kennen - Martin Luther trifft er jedoch nie.

Machtkämpfe im «protestantischen Rom»

1541 holt der Genfer Rat Calvin zurück in die Stadt. Man verspricht ihm, diesmal seine Kirchenordnung und eine strenge Kirchenzucht einzuführen. Doch auch die kommenden Jahren sind von Machtkämpfen geprägt. Mit aller Härte geht Calvin gegen Gegner vor. So ist er massgeblich an der Verurteilung des spanischen Theologen Michael Servet beteiligt, der 1553 als Ketzer in Genf auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Innerkirchlich gelingt Calvin 1549 die Einigung mit Ulrich Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger in der Abendmahlsfrage, womit er Einheit unter den aus der Schweiz kommenden Protestanten herstellt. 1559 gründet Calvin die Genfer Akademie, die zur Hochschule des Calvinismus wird. Bis heute gilt Genf als das «protestantische Rom».

Seine Gesundheit verschlechtert sich zusehends. Er leidet unter Tuberkulose und Lungenbluten, die Gicht setzt ihm so zu, dass er ohne fremde Hilfe sein Bett nicht mehr verlassen kann. Calvin stirbt am 27. Mai 1564 in Genf im Alter von 54 Jahren.

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