Fussball und Olympia: Eine unglückliche Liebe
Aktualisiert

Fussball und OlympiaEine unglückliche Liebe

Der Fall «Michel Morganella» zeigt einmal mehr: Fussball und Olympia können einfach zusammen nicht glücklich werden.

von
Klaus Zaugg
London

Seit London 1908 ist Fussball eine offizielle Olympische Disziplin. 1924 und 1928 waren die glücklichsten Jahre der Olympischen Fussballliebe: Die WM gab es noch nicht (erst ab 1930) und so galten die Spiele von 1924 und 1928 (Sieger Uruguay) als «inoffizielle WM». Bis 1980 durften nur Amateure spielen und so hatte Olympisches Gold in der Fussballwelt keine Bedeutung mehr. Seit 1984 sind Profis zugelassen, doch es gibt eine Alters-Selbstbeschränkung von 23 Jahren – nur drei Spieler pro Team dürfen älter sein als 23.

Die Fifa und das Internationale Olympische Komitee (IOC) sehen sich als mächtigste Sportverbände der Welt, einflussreicher als die UNO. Für Sportverbände ist die Olympische Bühne von existenzieller Bedeutung: Wir sind Olympisch, also sind wir. Nur der Frauenfussball hat sich richtig der Olympischen Familie angeschlossen. Selbst die NLB- und NHL-Profi sind vom Olympischen Geist beseelt worden und wissen den Olympischen Prestigegewinn zu schätzen. Das Eishockey-Turnier ist sogar das Herzstück der Winterspiele. Auch die Tennisstars verleihen den Spielen Glanz. Nur der Fussball braucht die Olympische Bühne nicht. Die Fifa hat null Interesse an einer Konkurrenzierung der eigenen Turniere durch ein Olympisches Fussballturnier. Deshalb hat sich Fussball als einzige Mannschaftsportart nicht richtig in die Olympische Familie integriert.

Die Liebesbeziehung zwischen Olympia und Fussball wird unglücklich bleiben. Beide wollen zwar nicht voneinander lassen. Das IOC mag bei den Sommerspielen nicht auf Fussball verzichten und Fifa-Präsident Sepp Blatter sitzt von Amtes wegen im IOC. Die Fifa braucht sich keine Sorgen zu machen: Das Olympische Turnier wird die WM oder eine kontinentale Meisterschaft nie konkurrenzieren. Schon aus terminlichen Gründen: Die meisten Weltstars haben sowieso keine Zeit. Wenn die Olympischen Spiele zelebriert werden, hat in einzelnen Ländern die Meisterschaft schon begonnen. Oder die Vorbereitung läuft.

Schweizer Höhe- und Tiefpunkt

Der Olympische Fussball hat der Schweiz den grössten Triumph (Final 1924 in Paris/0:3 gegen Uruguay) und einen der peinlichsten Momente («Affäre Michel Morganella» 2012 in London) beschert. Wie sich doch die Zeiten ändern: Weil niemand mit einem so langen Verbleib im Turnier gerechnet hatte, musste 1924 Geld für die Olympischen Fussballhelden gesammelt werden: Sie hatten nur ein auf zehn Tage limitierte Retourtickets und mussten neue Bahnbillete lösen. 2012 entstanden Kosten, weil ein Flugticket wegen der vorzeitigen Heimreise eines Spielers umgebucht werden musste.

Wir können uns allerdings ein wenig trösten. Nicht nur die Schweiz hat nichts als Ärger mit Olympischem Fussball. Auch für Deutschland hat Olympia nur Fussballärger gebracht: Das 0:2 beim Olympiaturnier von 1936 gegen krassen Aussenseiter Norwegen gilt als eine der bittersten Niederlagen aller Zeiten. Und auch 1972 in München reichte es trotz den noch im Amateurstatus mitkickenden Uli Hoeness und Ottmar Hitzfeld nicht zu einer Medaille. Die Deutschen haben das Olympia-Turnier nur einmal durch die DDR (1976) gewonnen.

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