Eine Vergewaltigung schürt den Hass
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Eine Vergewaltigung schürt den Hass

Die junge Frau trägt ein rosafarbenes Kopftuch. Ihr Gesicht verschwindet hinter schwarzem Stoff. Nur die dunklen, tränennassen Augen der jungen Irakerin sind zu sehen. Doch ihre tragische Geschichte spaltet die arabische Welt.

Die 20-jährige Sabrine al-Dschaburi stammt aus dem Bagdader Viertel Al-Amel. In einem Fernsehinterview erzählt sie in allen fürchterlichen Details, wie sie von drei irakischen Polizeioffizieren geschlagen und vergewaltigt wurde.

Ihr Auftritt im arabischen Fernsehsender Al-Dschasira am Montagabend könnte dafür sorgen, dass sich die Spirale von Hass, Gewalt und Gegengewalt im Irak künftig noch schneller dreht als bisher.

Gegenseitige Vorwürfe

Nur wenige Stunden nach der Ausstrahlung des Interviews mit der verheirateten Sunnitin wird sie von schiitischen Regierungsbeamten als Lügnerin geschmäht. Sunnitische Politiker schenken ihr dagegen Glauben und fordern die Regierung und Ministerpräsident Nuri al- Maliki auf, gegen die Willkür der von den Schiiten dominierten Spezialeinheiten vorzugehen.

Dies hat wiederum dazu geführt, dass schiitische Politiker radikale Sunniten verdächtigen, die Frau zur Lüge angestachelt zu haben, damit die Bevölkerung in Wut gerät und den Aufstand stärker unterstützt.

Zwar könnte man glauben, dass die Einwohner der irakischen Hauptstadt, auf deren Strassen jeden Tag Dutzende von übel zugerichteten Leichen liegen, mittlerweile gegenüber dem Leid ihrer Mitmenschen abgestumpft seien.

Übergriff muss gesühnt werden

Doch der Fall Sabrine lässt den Ruf nach Vergeltung bei den ohnehin mehrheitlich regierungsfeindlich eingestellten sunnitischen Arabern tatsächlich noch lauter werden. Denn in der konservativen irakischen Gesellschaft gilt eine Vergewaltigung als schwerer Angriff auf die Familienehre, der gesühnt werden muss.

Nach Darstellung der jungen Frau hatten die Polizisten am vergangenen Sonntag ihr Haus gestürmt und sie zu einer Polizeiwache gebracht. Nach Angaben des sunnitischen Rates der Religionsgelehrten, der die Tat scharf verurteilte, alarmierte ein Nachbar daraufhin die US-Truppen, die nach vier Stunden für die Freilassung der Frau sorgten.

Die Affäre um die angebliche Misshandlung der jungen Frau könnte nach Einschätzung irakischer Beobachter eine Serie von «Vergeltungsangriffen»» auf Polizisten und schiitische Zivilisten nach sich ziehen.

Erinnerung an Samarra

So verheerend wie der Effekt des Anschlags auf die Goldene Moschee in Samarra vor einem Jahr dürften die Folgen der Anschuldigungen gegen die Bagdader Polizei jedoch nicht sein.

Der Sprengstoffanschlag sunnitischer Extremisten auf eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten im Irak am 22. Februar 2006 hatte eine bis dahin beispiellose Welle der Gewalt zwischen den Religionsgruppen ausgelöst.

Hunderttausende Menschen wurden von den Anhängern der jeweils anderen Glaubensrichtung aus ihren Wohnvierteln vertrieben.

Eines der Ziele des so genannten neuen Sicherheitsplanes der Regierung ist es, diese Viertel wieder sicher zu machen, damit die Vertriebenen wieder zurückkehren können. Die Sabrine-Affäre dürfte diese ohnehin schwierige Aufgabe zusätzlich behindern. (sda)

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