Aktualisiert 08.02.2010 17:14

«Echte» und «falsche» NedaEine verhängnisvolle Verwechslung

Die Bilder der toten iranischen Studentin Neda gingen im letzten Sommer um die Welt. Eines davon war falsch, die abgebildete Frau musste fliehen. Ein Lehrstück über mediale Hysterie und virtuelle Reproduzierbarkeit.

von
Peter Blunschi
Die «echte» Neda Agha-Soltan (links) und das Facebook-Foto von Neda Soltani.

Die «echte» Neda Agha-Soltan (links) und das Facebook-Foto von Neda Soltani.

Am 20. Juni 2009 wurde die 26-jährige Studentin Neda Agha-Soltan in Teheran auf offener Strasse erschossen, am Rande einer Protestkundgebung gegen das Resultat der iranischen Präsidentschaftswahl. Ein Passant filmte Nedas Todeskampf mit seinem Handy und schickte das Video per Mail an einen Freund, der als Asylbewerber in Holland lebt. Dieser lud es auf YouTube hoch. In Windeseile ging die Story um die Welt, die eigentlich unpolitische Musikstudentin Neda wurde zur Symbolfigur der iranischen Opposition.

Damit begann das Unheil für eine andere Frau: Neda Soltani, 32 Jahre alt, Dozentin für englische Literatur an der islamischen Azad-Universität in Teheran. Das Magazin der «Süddeutschen Zeitung» hat ihre Geschichte geschildert, denn heute lebt sie in Deutschland als Asylbewerberin. Jemand hatte auf der Suche nach Informationen über die tote Neda im Internet die Facebook-Seite von Neda Soltani entdeckt und ihr Foto kopiert. Es verbreitete sich ebenso schnell wie das Video, erschien weltweit in Zeitungen und Weblogs und wurde auf Demonstrationen mitgetragen, obwohl die abgebildete Frau am Leben war.

Die Verwechslung ist laut SZ-Magazin nachvollziehbar. Name, Alter und Aussehen der beiden Frauen sind fast identisch, beide waren an der Azar-Universität tätigt, die eine als Studentin, die andere als Dozentin. Neda Soltani aber war entsetzt, als sie entdeckte, was mit ihrem Foto geschehen war. Sie versuchte den Irrtum mit Telefonaten und Mails zu korrigieren, doch gegen die geballte Macht von Medien und Internet hatte sie keine Chance. Als sie das Foto auf ihrer Facebook-Seite löschte, machte sie alles nur noch schlimmer, denn nun gingen Blogger und Medien von einem Zensurversuch des Regimes aus.

Vom Regime unter Druck gesetzt

Die Lage besserte sich auch nicht, als am 23. Juni echte Fotos von Neda Agha-Soltan veröffentlicht wurden. Zwar berichtete ein italienisches Newsportal bereits am 26. Juni über die Verwechslung, BBC Online folgte am 3. Juli. Doch das waren Einzelfälle, sie brachten das falsche Foto nicht zum Verschwinden. Zu allem Übel wurde Neda Soltani vom Regime unter Druck gesetzt. Wie genau, wollte sie dem SZ-Magazin aus Angst um ihre Familie nicht verraten. Doch die Behörden in Teheran behaupteten damals, die Story der toten Neda sei eine Lüge – das Foto von Neda Soltani sollte dafür offenbar als Beweis dienen.

Schliesslich entschloss sich die Dozentin, die sich nicht politisch betätigt hatte und ihr Land nie verlassen wollte, zur Flucht nach Deutschland, wo ein Cousin von ihr lebt. Derzeit wohnt Neda Soltani in einem Asylbewerberheim, das Asylverfahren läuft seit sechs Monaten. Ihr Foto kursiert im Internet nach wie vor als Bild der toten Studentin, sogar in den Medien taucht es immer wieder auf. «Neda Soltanis Fall zeigt, wie gefährlich es sein kann, wenn Massenmedien auf Bilder aus sozialen Netzwerken zurückgreifen», schrieb BBC Online. Für die «falsche» Neda kommt diese Erkenntnis zu spät.

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