Aktualisiert 05.04.2012 09:45

HiFi aus Horgen

«Eine vernünftige Anlage? Ab 5000 Franken!»

Die Schweizer Firma Piega setzt im Lautsprecherbau Massstäbe. Ein Gespräch über Klangbändchen, Schallpegel und den speziellen Charakter von Lautsprecherbauern.

von
Aurel Stevens
Die massiven Gehäuse minimieren Eigenschwingungen des Lautsprechers. (Bild: ZvG)

Die massiven Gehäuse minimieren Eigenschwingungen des Lautsprechers. (Bild: ZvG)

Seit 25 Jahren produziert Piega in Horgen am Zürichsee Lautsprecher. Nicht irgendwelche, sondern solche, die regelmässig Experten entzücken. Piegas Spezialität sind einerseits die massiven Gehäuse aus Aluminium, andererseits aber auch ein spezieller, selbstentwickelter Hochtöner.

Das Gehäuse wird nicht zusammengeschraubt, sondern – das ist weltweit einzigartig – in einem Stück aus einem Aluminiumblock gepresst. Die notwendige Pressleistung (7000 Tonnen) gepaart mit millimetergenauer Präzision beherrschen nur wenige Hersteller: Die grössten Gehäuse können lediglich 3 Produzenten in Europa fertigen, wie Kurt Scheuch, Chefentwickler bei Piega, im Interview sagt.

Ein Bändchen als Lautsprecher

Der Vorteil der Gehäuse ist, dass sie extrem stabil und verwindungssteif sind – für Scheuch die Grundlage beim Lautsprecherbau. Selbst bei höheren Schallpegeln sucht man am 4 bis 6 Millimeter dicken Gehäuse vergeblich nach Vibrationen. Noch besser als ein vibrationsarmes Gehäuse ist: gar kein Gehäuse. Das Flaggschiff «Master One» strahlt den Schall im Mittel- und Hochtonbereich nicht nur nach vorne, sondern auch gegen hinten ab. Möglich ist das nur durch einen speziellen, in der Schweiz entwickelten Klanggeber.

In den teureren Modellen setzt Piega das selbstentwickelte «Bändchen» ein. Statt herkömmlicher Kalotten-Lautsprechern wird ein Bändchen-Magnetostat eingesetzt: Eine 10 Mikrometer dünne und 7 Mikrogramm schwere Aluminiumfolie wird in Schwingung gebracht und ist für die höheren Frequenzen zuständig. Wie das tönt? Ungewohnt luftig, enorm klar und so präzise, dass einem beim ersten Hören der Kiefer runterklappt. CDs, die man zu kennen glaubte, erkennt man teils kaum wieder – so viele Details sind plötzlich da.

Beim Design ging die Lautsprecher-Manufaktur entgegen dem Trend ebenfalls eigene Wege: Die schlanken Aluminium-Säulen wurden vom Schweizer Designer Hannes Wettstein kreiert. So viel Hightech und Handarbeit haben ihren Preis. Die Profi-Modelle mit dem Bändchen gibts ab 2000 Franken – pro Lautsprecher. Und für das Flaggschiff «Master One» könnte man sich glatt einen Mittelklassewagen kaufen.

Doch was macht einen guten Lautsprecher letztendlich aus? Wir haben bei Piega-Chefentwickler Kurt Scheuch nachgefragt.

Kurt Scheuch: Ein guter Lautsprecher muss nicht zwingend gross und aufwändig sein. Aber er muss gut konzipiert und gut konstruiert sein. Das Ziel muss immer sein, aus dem gegebenen Konzept das Optimum herauszuholen. Die Grundlagen müssen solide sein und die Ausführung sorgfältig.

Wie ist das mit dem Bändchen, hat Piega dieses System erfunden?

Nein, das erste populäre Bändchensystem war das Decca DK 30. Dessen Grundlagen reichen bis in die 1920er-Jahre zurück. Es gab in den 80er-Jahren mehrere Hersteller, die Lautsprecher nach dem Bändchen-Prinzip bauten. Unser Verdienst ist es, dass wir es in die heutige Zeit übertragen haben und es mit der heute möglichen Technologie realisiert haben.

Wie aufwändig ist die Herstellung eines Hochtöners?

Das kann nicht jeder. Es braucht einen speziellen Typ Mensch mit gefestigtem Charakter. Jeder Arbeitsschritt muss jeden Tag gleich ausgeführt werden. Dieses Teil ist sehr empfindlich, und es braucht jahrelange Erfahrung, bis jeder Arbeitsschritt sitzt. Wenn eine Löststelle falsch gemacht wird, ist es nicht einfach eine schlechte Lötstelle. Dann ist das Bändchen Abfall.

Wie würden Sie den Klang des Hochtöners beschreiben?

Er ist in der Lage, Musik hochauflösend und natürlich wiederzugeben. Es ist, wie wenn man zwei Fotografien vergleicht, bei der die eine 640x480 Pixel hat und die andere mit 3000x2000 Pixeln aufgelöst ist. Durch die enorm kleine Masse der Folie kann das Bändchen extrem schnell beschleunigen und bremsen, was für einen sehr klaren Klang sorgt.

Ebenfalls sehr aufwändig scheint die Herstellung des Gehäuses zu sein.

Ja, früher ging das nur bei Alcan in Chippis (Wallis). Heute lassen wir unsere Gehäuse bei fünf Presswerken verteilt in Europa fertigen. Das sind turnhallengrosse Maschinen mit 7000 Tonnen Presskraft. Die Gehäuse werden wie ein Riesenmakkaroni aus Aluminium-Zylindern gestanzt, ein Strang ist 60 Meter lang. Die kleineren Profile könnten heute auch die Chinesen herstellen. Die grösseren Gehäuse kann man nur in Europa fertigen lassen. Und unsere grössten Lautsprecher-Gehäuse sind im Grenzbereich des technisch Machbaren. Das können nur 3 Presswerke in Europa.

Wie lange dauert die Entwicklung eines neuen Lautsprechers?

Das ist schwierig zu sagen. Beginnt man mit leeren Händen, hat man keine Frequenzweiche und kein Chassis, dann dauert das sehr lange. Wir verwenden unsere Technologie wenn möglich natürlich immer weiter. Ich brauche am Computer für die Entwicklung eines neuen Lautsprechers etwa einen Monat. Danach wird ein Prototyp gebaut. Und danach muss man optimieren, indem man den Klangeindruck immer wieder verändert, bis es stimmt. Meine Arbeit am PC macht etwa 85 Prozent aus. Die letzten 15 Prozent sind Feintuning von Hand. Das braucht viel Zeit, viel Erfahrung und viel Musikverständnis.

Ihr teuerster Lautsprecher kostet 44 000 Franken pro Paar. Das ist viel Geld. Wieviel Geld sollte man für eine ‹vernünftige› Anlage investieren?

Mindestens 5000 Franken, wenn man es ernst meint. Es geht natürlich auch billiger. Viele Menschen geben viel weniger Geld aus und sind glücklich mit dem Ergebnis. Aber ernsthaftes HiFi gibt es ab 5000 Franken. 60 Prozent des Budgets sollten in die Lautsprecher fliessen. 40 Prozent würde ich in Verstärker und CD-Player investieren.

Welche Rolle spielt der Raum?

Die Raumakustik ist ein völlig vernachlässigter Aspekt. Ich nenne das akustische Hygiene, und um die ist es heute oft schlecht bestellt: Grosse, spärlich möblierte Räume mit grossen Fensterflächen haben meist lange Nachhallzeiten und eine «Badezimmerakustik». Meiner Meinung nach schenken die Architekten dem viel zu wenig Beachtung. Ich habe schon einen Architekten beraten müssen, dessen Kunden einen Neubau nach zwei Wochen fluchtartig verlassen haben. Da war alles voller Marmor und wenn man in der Küche abgespült hat, hörte man das im halben Haus. Mit einer 40 Millimeter dünnen Deckenisolierung kann man einen Raum akustisch enorm aufwerten – das ist nicht einmal teuer.

Hört ein Laie den Unterschied zwischen einem teuren und einem sehr teuren Lautsprecher?

Ja, das hört jeder Mensch auf der Welt. Viele trauen es sich nicht zu, es ist aber mit einem Blindtest einfach widerlegbar.

Wie hören Sie zu Hause Musik?

Das ist einfach aufgebaut: Ich habe eine aktive «Master One» an einem Musik-Streamingsystem. Das tönt richtig gut!

Angenommen, Sie sind eingeladen und der Gastgeber lässt Musik von einer Kompaktanlage abspielen. Was denken Sie da?

Dann wird keine Musik gehört. Die Leute wissen, was ich arbeite und kennen mich. Ich mag Musik nicht als Hintergrundberieselung. Ich höre Musik lieber richtig, sonst lasse ich es sein.

In Fachmagazinen werden oft Kabel für mehrere tausend Franken angeboten. Hört man da tatsächlich Unterschiede?

Da muss man unterscheiden. Stromkabel und die Verbindung zwischen CD-Player und Verstärker sind nicht zu hören. Da ist im Blindtest kein Unterschied auszumachen. Ich kenne jedenfalls niemanden, der das kann. Bei den Lautsprecherkabeln gibt es hörbare Unterschiede im Nuancenbereich. Es ist so: Ein teures Kabel macht aus einem schlechten Lautsprecher keinen guten Lautsprecher. Aber ein gutes Kabel kann das Tüpfelchen auf dem i sein.

Leidet Piega als Schweizer Hersteller unter der Frankenstärke?

Ja, wir leiden unter der Frankenstärke. Die Exporte machen bei uns etwa 70% aus. Umsatzmässig leiden wir nicht, aber die Rendite ist gesunken. Sie müssen keine Kerze für uns anzünden. Aber es gab natürlich finanziell schon bessere Jahre.

Sie bleiben also dem Standort Schweiz treu?

Ja, unbedingt. Wir bleiben dem Standort Zürich treu. Die Mitarbeiter schätzen die Atmosphäre in Horgen am Zürichsee. Die Leute müssen sich wohl fühlen und sich ein Stück weit selbst verwirklichen können. Wir haben praktisch keine Fluktuation in der Belegschaft. Der Cheftechniker der Bändchen-Abteilung ist erst diesen Frühling ein Jahr zu spät in Pension gegangen – jetzt führt sein Sohn die Arbeit weiter.

Wettbewerb

Piega verlost folgende 3 Preise:

1 Stück Marantz MCR 503 à CHF 700.00

1 Paar PIEGA TMicro 5 à CHF 1400.00

1 Paar PIEGA CableTHREE

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