Oberster Impf-Chef – «Eine vierte Impfung halte ich nicht für nötig»

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Oberster Impf-Chef«Eine vierte Impfung halte ich nicht für nötig»

Christoph Berger, Präsident der eidgenössischen Impfkommission, blickt positiv auf die Öffnungen. Er bedauert jedoch, dass in der Schweiz jeder sich selbst extrem wichtig ist.

von
Bettina Zanni
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Auf dem Höhepunkt der Arbeitsbelastung arbeitet der oberste Impfchef Christoph Berger von morgens bis abends vorwiegend nur für die Impfempfehlungen und Impffragen.

Auf dem Höhepunkt der Arbeitsbelastung arbeitet der oberste Impfchef Christoph Berger von morgens bis abends vorwiegend nur für die Impfempfehlungen und Impffragen.

20min/Simon Glauser
Berger freut sich auf die Lockerungen. «Die einschränkenden Massnahmen, die jenen etwas erlauben und anderen nicht, müssen jetzt aufhören.»

Berger freut sich auf die Lockerungen. «Die einschränkenden Massnahmen, die jenen etwas erlauben und anderen nicht, müssen jetzt aufhören.»

20min/Celia Nogler
«Der mRNA-Impfstoff ersparte uns viel weiteres Leid.»

«Der mRNA-Impfstoff ersparte uns viel weiteres Leid.»

20min/Celia Nogler

Darum gehts

Herr Berger*, am Mittwoch stehen grosse Lockerungsschritte an. Worauf freuen Sie sich am meisten?
Es ist höchste Zeit für Lockerungen – die Leute haben auch genug von den Massnahmen. Ich freue mich darauf, wieder normal mit Leuten Abendessen oder ins Theater zu gehen. Die einschränkenden Massnahmen, die den einen etwas erlauben und den anderen nicht, müssen jetzt aufhören. Auch bin ich froh – und darum ist die Lockerung erst möglich – dass die Spitäler nicht mehr befürchten müssen, wegen der Covid-Patienten kein freies Bett für spitalbedürftige Patienten mehr zu haben. Persönlich kehre ich sehr gerne wieder mehr in meinen gewohnten Alltag zurück.

Stehen Sie nicht gerne im Rampenlicht?
Ich bin da reingerutscht und suchte es nicht von vornherein. Aber ich realisierte, dass man mir zuhört und sah, wie wichtig Kommunikation in einer Pandemie ist. Ich stand dafür nicht ungern in der Öffentlichkeit, bin aber überhaupt nicht traurig, wenn solche Auftritte jetzt kaum mehr gefragt sind. Vor allem die Zeit zwischen Oktober 2020 und Januar 2021 war extrem streng.

Warum?
Es gab hochgetaktete Impfentscheide, wofür unser System nicht gemacht ist. Auch gab es sehr aufgeheizte Diskussionen. Auf dem Höhepunkt der Arbeitsbelastung arbeitete ich von morgens bis abends vorwiegend nur für diese Impfempfehlungen und Impffragen. Ja, nicht ohne auch am Wochenende zu arbeiten. Gemeinsame Abendessen lagen drin – ansonsten konnte ich in dieser Zeit nicht so viel mit meiner Familie machen.

Wurde die Schweiz von der Covid-Impfung gewissermassen überrascht?
Ja, aber ich war positiv davon überrascht. In der ersten Welle ging man davon aus, dass es mindestens doppelt so lange oder noch länger dauern würde, bis ein konventioneller Impfstoff entwickelt würde. Der mRNA-Impfstoff ersparte uns viel weiteres Leid. Wir konnten also früher impfen als geplant und mit sehr wirksamen Impfstoffen. Gleichzeitig hatten wir eine grosse Verantwortung, weil die Bevölkerung zuvor noch nie mit einem neuartigen Impfstoff geimpft wurde.

Die Impfquote stieg in der Schweiz nur langsam. Worauf führen Sie das zurück?
Wir haben in der Schweiz einen Hyperindividualismus. Anstatt an das Gemeinwohl, denkt jeder an sein Ego. Jeder ist sich selbst extrem wichtig und fragt sich: «Muss ich das, was für alle gilt, auch machen?» Wir überlegen uns solche Dinge dreimal – damit können wir nicht zu einer hohen Impfrate kommen. Andere Kulturen wie Portugal oder Spanien sind da weniger kompliziert.

Auch beim Boostern tut sich die Bevölkerung schwer. Die Zahl der neu verabreichten Auffrischungsimpfungen ist bei einer aktuellen Quote von 40 Prozent im Sinkflug. Kommt es gut, wenn wir jetzt alles aufmachen?
Wir wissen nicht, ob eine gefährliche, neue Variante kommt. Das kann jetzt, im Herbst oder in fünf Jahren der Fall sein. Aber wir wissen, dass jetzt die allermeisten Leute in der Bevölkerung Kontakt mit der Impfung oder dem Virus oder beides hatten. Daher verfügen wir über eine Grundimmunität, die es ermöglicht, die Corona-Massnahmen herunterzufahren.

Auch haben wir gelernt, dass Omikron nicht zu einer Überlastung des Gesundheitswesens führt. Wie Sie, kenne auch ich Geboosterte, die das Virus trotzdem bekommen haben. Das relativiert den Aufruf, sich für jetzt boostern zu lassen. Dennoch stehe ich klar hinter dieser Empfehlung, auch auf Zeit. Jeder soll der Impfempfehlung zu seinem Schutz folgen und ab jetzt muss jeder umso mehr selber schauen, wie er sich schützen will.

Ist der Booster die letzte Impfung?
Lassen wir das Szenario einer gefährlichen, neuen Variante, die immer kommen kann, hier mal aus dem Spiel – ja. Zum aktuellen Zeitpunkt halte ich eine weitere Impfung in der Bevölkerung nicht für nötig. Ich kann mir aber vorstellen, dass im Herbst, wenn wir wieder näher zusammenrücken und keine Masken mehr tragen, eine weitere Impfung für die vulnerable Bevölkerung ähnlich wie die Grippeimpfung empfohlen wird. Darauf sollten wir vorbereitet sein, ob es so kommt oder nicht.

Wir waren beim Impfen immer spät dran. Hat die Schweiz da Fehler gemacht?
Die Strategie war die richtige. Allerdings würde ich noch früher und noch aktiver kommunizieren. Die Menschen mit Migrationshintergrund aus Südosteuropa und die weniger «handyaffinen» haben wir verpasst. Das Schlimmste waren aber die Fakenews, die kursierten. Mit Unfruchtbarkeit kann man speziell den Jungen richtig Angst machen. Aber weder die Covid-Impfung noch sonst eine Impfung führt zu Unfruchtbarkeit – das stimmt einfach nicht.

Kurz vor Weihnachten legten Sie Radio-1-Moderator Roger Schawinski den Hörer auf, weil er Ihnen eine zu langsame Boosterkampagne vorwarf. Reagierten Sie da zu dünnhäutig?
Nein, ich legte den Hörer auf, weil ich fand, dass es Herrn Schawinski nicht um die Sache, sondern um ein Provokationsschauspiel ging. Ich habe im Allgemeinen gewisse und auch unbequeme Fragen immer wieder geduldig beantwortet. Aber wenn es nicht mehr um eine Diskussion geht, sondern nur noch darum, mich zu provozieren, bin ich nicht mehr dabei.

*Christoph Berger ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) und Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Universitäts-Kinderspital Zürich.

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