Öko-City: Eine Wüstenstadt mit Sand im Getriebe
Aktualisiert

Öko-CityEine Wüstenstadt mit Sand im Getriebe

In Abu Dhabi soll eine Ökostadt für 90 000 Menschen entstehen. Doch das Vorzeigeprojektprojekt hat an Schwung verloren.

von
Alex Hämmerli

Als das arabische Emirat Abu Dhabi 2008 den Grundstein zur Ökostadt Masdar legte, war die Welt noch in Ordnung: Für die unfassbare Summe von 22 bis 24 Milliarden Dollar sollte sich eine Retortenstadt aus der Wüste erheben, die komplett CO2-neutral funktioniert, in der Wasser und Müll beinahe restlos recycelt wird, und in der man mit computergesteuerten Elektro-Kabinen zur Arbeit und zum anschliessenden Feierabend-Tee kutschiert wird. Regierungsleute rund um den Globus lobten das Projekt als wegweisenden Schritt in eine grüne Zukunft.

Auch in der Schweiz zeigte man sich ob der Idee der sauberen Stadt begeistert. Dank Vermittlung durch den Schweizer Cleantech-Vorkämpfer Nick Beglinger und durch die Schweizer Botschaft in Abu Dhabi wurde ein Schweizer Bezirk namens Swiss Village in die Pläne Masdars aufgenommen. Es soll die Schweizer Botschaft beinhalten und von Schweizern für Schweizer gebaut werden.

Das Geld dafür kommt aus Abu Dhabi, Schweizer Firmen sollen sich nur einmieten. Das Quartier könnte einst so gross wie die Zürcher Altstadt werden. Die Niederlassung in Masdar soll den Schweizer Firmen dazu dienen, ihre Stärken in den Bereichen Nachhaltigkeit und Umwelttechnologie im arabischen Raum und darüber hinaus zu präsentieren.

Wirtschaftskrise bringt Sand ins Getriebe

Dann kam die Wirtschaftskrise, die auch vor Masdar nicht halt machte. Im Wüstenstaat platzte die Immobilienblase. Und nachdem Abu Dhabi 2010 dem finanziell gebeutelten Nachbarn Dubai mit duzenden Milliarden Dollar unter die Arme greifen musste (offiziell sind es 24 Milliarden, inoffiziell spricht man von bedeutend höheren Beträgen), verging dem Emirat die Lust auf weitere grosse Investition. Viele Bauvorhaben kamen ganz zum erliegen.

Auf Masdar wird nach wie vor gesetzt - aber das Projekt wurde redimensioniert. Neu sollen noch 18 Milliarden Dollar investiert werden (eine Reduktion von rund 20 Prozent). Auch soll Masdar «organisch wachsen» und erst zwischen 2020 und 2025 fertig werden – und nicht bereits 2017, wie zuvor kommuniziert wurde.

Zu euphorisch

«Dass Masdar bis 2017 fertig sein sollte, war bereits vor der Finanzkrise völlig unrealistisch», sagt Swiss-Village-Initiant Nick Beglinger. Das habe man den Verantwortlichen schon in der Projektphase gesagt. Beglinger kritisiert, dass Abu Dhabi den raschen Bau der Öko-Stadt derart euphorisch kommuniziert hat. «In der Region, wird viel gebaut. Aber vieles muss man wieder abreissen, weil es nichts taugt.» Als Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit müsse das in Masdar anders sein.

Beglinger ist ob der Verzögerung in der Öko-Stadt denn auch nicht unglücklich: «18 Milliarden Dollar sind immer noch viel Geld. Und was dort geleistet wird, ist eine enorme Pionierarbeit!» Nachhaltiges Planen und Bauen brauche zudem seine Zeit - vor allem was saubere Planungsarbeit angehe.

Ein Beispiel: Ursprünglich wollte man in Masdar selber und in unmittelbarer Stadtumgebung an freien Stellen Solarkollektoren aufstellen. Stattdessen werden jetzt einige Kilometer ausserhalb der Stadt die nötigen Solarparks aufgestellt. Ein Hauptgrund: Weil sich auf den Solaranlagen Wüstenstaub ablagert, verlieren diese jeden Tag rund 20 Prozent an Leistung – ausser man putzt sie. Und das geht einfacher und günstiger, wenn die Kollektoren in Reih und Glied stehen. Zudem gilt auch bei einer Ökostadt in erster Line, dass es sich für die Bewohner gut leben lässt. «Anstatt die Grünflächen der Stadt mit Solarpanels zuzubauen, dienen solche nun als Erholungszone für die Stadtbewohner.»

Aus Kostengründen wurde übrigens auch die Idee der selbstgesteuerten Elektro-Gondeln gekippt: Als Ersatz kommen jetzt herkömmliche Elektroautos zum Einsatz. Andere Nachhaltigkeits-Ziele wie die vollständig erneuerbare Energieversorgung bleiben bestehen.

Jetzt ist die Schweizer Botschaft am Zug

«Masdar wird fertig gestellt, es ist ein Prestigeobjekt der Regierung», gibt sich Beglinger sicher. «Die Universität ist bereits offen, die Studenten leben in der Stadt. Da gibt es kein zurück mehr. Ich hatte bereits meinen ersten Espresso im ersten Cafe von Masdar getrunken. Und es ist sogar schon ein Sushi-Restaurant offen».

Der Swiss-Village-Verein zählt mittlerweile rund 170 Firmen als Mitglieder, die teils mehr, teils minder an einer künftigen Miete in Masdar interessiert sind, sich aber alle Geschäftsmöglichkeiten mit Masdar erhoffen. Sie zahlen einen jährlichen Mitgliederbeitrag von 1000 Franken, einige Sponsoren geben bedeutend mehr.

Wann das erste Schweizer Unternehmen eine Zweigstelle in der Wüstenstadt bezieht, ist laut Beglinger noch offen. «Konkrete Zusagen gibt es noch keine, ich rechne aber mit 2013 oder 2014.» Zuerst sei nun die Schweizer Botschaft am Zug. Diese soll noch vor Ende Mai bekannt geben, ob und wann sie sich in Masdar niederlassen will. «Wenn die Botschaft kommt bin ich zuversichtlich, dass zahlreiche Firmen folgen», so Beglinger.

Entgegen der Aussagen der «Weltwoche» (Ausgabe 14.11) sind bislang übrigens kaum Unternehmen bei Swiss Village abgesprungen. «Es ist immer ein Problem wenn erst aggressiv kommuniziert wird und dann zurückgestuft werden muss. Viele von uns sind über die teils mühsame Projektentwicklung enttäuscht. Aber so geht es halt bei solchen Megaprojekten, vor allem im Mittleren Osten.»

Lediglich das Bau-Unternehmen Implenia und eine kleinere Schweizer Immobilienfirma seien nicht mehr dabei, versichert Beglinger. «Mir gegenüber bekundet auch Implenia weiteres Interesse an Masdar. Bei ihrem Entscheid waren wohl auch persönliche Differenzen im Management involviert.»

Schweizer Firmen profitieren bereits

Abu Dhabi hat in Masdar mittlerweile im ersten Bauabschnitt über 1 Milliarde Dollar verbaut. Aus dem Boden gestampft wurde unter anderem der neue Universitäts-Campus, der mit der berühmten US Universität MIT geführt wird. Die dazugehörigen Rolltreppen stammen vom Schweizer Unternehmen Schindler.

Auch weitere Schweizer Firmen sind in Masdar bereits zum Handkuss gekommen. Darunter der Sanitärkonzern Geberit oder die Credit Suisse, die im Zusammenhang mit Masdar Venture-Fonds in der Höhe von 250 Millionen Dollar verwaltet. Auch Implenia erhielt bereits Aufträge als Projektmanagerin. Für den ersten 10'000 Quadratmeter grossen Gebäudekomplex im Swiss Village ist zudem seit vergangenem Oktober das Zürcher Architekturbüro BGP zuständig. «Die Schweiz ist in Masdar in der Cleantech Pole-Position», freut sich Beglinger.

Deine Meinung